Trainieren bei Krankheit – was macht Sinn?


Vorweg der „Beipackzettel“ zu diesem Blog: Ich bin kein Arzt! Ich bin aber ein echter Experte im Kranksein. Alles, was ich hier schreibe ist persönlich erprobt und funktioniert für mich. Ihr könnt es gerne für Euch ausprobieren, aber bitte, bitte, bitte, hört auf Euer Körpergefühl und im Zweifelsfall auch auf Euren Arzt oder Apotheker.

Mögliche Nebenwirkungen: Plötzliche Ermüdungserscheinungen beim Lesen. In dem Fall: Blog sofort absetzen und Katzenvideos anschauen.

Gut, nachdem das geklärt ist, zunächst ein paar Gedanken zum typischen Krankheitsverlauf.

Phase 1: Erste Anzeichen.

Jeder hat so seine eigenen ersten Anzeichen, bei denen im Kopf die Alarmglocken läuten. In der Regel stehen hier die Chancen noch 50:50, dass es eventuell nach einer Mütze Schlaf und einer Ladung typischer Sofortmaßnahmen ausgestanden ist. In dieser Phase, wenn ich nicht gerade irgendwas enorm Wichtiges anstehen habe, nutze ich Training ganz gerne als „Russisches Roulette“. Entweder haut es die Erreger raus durch die Bewegung und die damit verbundene Erhöhung der Körpertemperatur, oder es haut mich um. Damit verhindere ich diese häufig tagelang dauernde Phase, in der man sich nicht ganz gut aber auch nicht wirklich krank fühlt. Ich erzwinge eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung.

Phase 2: Es ist passiert.

In dieser Phase ist an wie auch immer geartetes Training nicht zu denken. Man ist viel zu sehr mit Leiden beschäftigt. Schon allein der Gedanke an Sport scheint unerträglich und man verbringt ein paar Tage in einer Art Dämmerzustand. Training? Vergiss es! In dieser Phase wäre das auch ziemlich gefährlich, weil das Immunsystem mit einem Haufen anderer Baustellen beschäftigt ist. Da kann es zusätzliche Belastungen durch Training, was ja auch immer kleinere „Reparaturen“ im Körper im Zuge des Anpassungsprozesses verursacht, nun wirklich nicht brauchen. Im besten Fall dauert der Infekt ein paar Tage länger, im schlimmsten Fall greift er auf vitale Organe über, z.B. das Herz.

Meine Internetrecherchen (seriöse Quellen, nicht so was wie dieser Blog hier, also z.B. AOK, Apothekenumschau u.ä.) ergaben auch, dass der Körper in dieser Phase auch auf Training gar nicht reagieren kann. Man kann also nicht nur richtig was kaputt machen, es bringt auch nichts. Es ist eine lose-lose-Situation.

Auch wenn manche Medikamente die Symptome weitgehend unterdrücken – bei mir bringen die Dinger nie was, aber egal – ist man in dieser Zeit definitiv krank. Der Körper ist damit beschäftigt, den Infekt niederzumachen und braucht dazu alle verfügbaren Ressourcen. Je mehr Ruhe man ihm dabei gönnt, desto besser.

Phase 3: Licht am Ende des Tunnels

Es geht aufwärts. Man kann die Augen mal eine Weile offen halten, im Bett wird es langweilig, also nichts wie raus auf die Strecke oder ins Studio! Falsch! Man befindet sich zwar auf dem Weg der Besserung, aber das System ist immer noch geschwächt. Ein sofortiger Trainingseinstieg führt höchstwahrscheinlich zum Rückfall oder im dümmsten Fall zur gefürchtetsten Sportlerkrankheit, der Herzmuskelentzündung. Und das ist nun wirklich nicht lustig.

Wer es jetzt im Bett gar nicht mehr aushält, kann ein paar leichte Dinge tun, die das Körpergefühl verbessern, aber die Pumpe nicht unnötig belasten.

Leichtes Stretching hilft den plattgelegenen Muskeln, einen Teil des Drecks loszuswerden, der noch durch das System schwappt. Sanftes Training mit dem Thera-Band geht auch. Die Betonung liegt auf SANFT! Wer einen Therapie-Kreisel rumstehen hat: Leichte Balance-Übungen bringen was für die Propriorezeptoren, stellen das Körpergefühl wieder her und bringen einen nicht aus der Puste. Nett sind auch Massage-Einheiten auf der Blackroll, die für eine schnellere „Entmüllung“ des Gewebes sorgen. In dieser Phase sollte man  aber genau auf die Signale seines Körpers achten. Ist man auch im „normalen“ Training gewohnt, über gewisse Ermüdungserscheinungen hinauszugehen – sonst ist es ja schließlich kein Training – so wäre das jetzt der falsche Zeitpunkt dafür. Es geht nicht darum, den Körper zu stressen, sondern eigentlich nur darum, ein bisschen Körpergefühl wiederherzustellen. Wer sich schon ganz gut fühlt, darf auch ruhig einen kleinen Spaziergang machen.

Phase 4: Zurück zum Glück

Woran merke ich, dass ich langsam wieder ins Training einsteigen kann? Wir Läufer haben da einen klaren Vorteil. Fast alle von uns haben was, was Nicht-Läufer nicht haben: Eine Pulsuhr. Außerdem wissen wir in der Regel, in welchen Bereich sich unser Puls normalerweise so bewegt. Starke Abweichungen von diesen Bereichen zeigen, dass noch nicht alles im grünen Bereich ist. Auch wenn es vielleicht zunächst lächerlich erscheinen mag, eine Pulsuhr bei ganz alltäglichen Tätigkeiten oder auch einem Spaziergang zu tragen, so ist sie doch ein tolles Werkzeug um zu sehen, wie es „innen“  aussieht.

Wer beispielsweise im gesunden Zustand in der Lage ist, einen regenerativen Lauf bei einem Puls von 140 zu absolvieren, und nun bei einem kleinen Spaziergang einen Puls von 150 hat, der sollte definitiv nicht trainieren, sondern lieber einen Arzt aufsuchen, wenn das noch länger anhält. Auch extreme Abweichungen nach unten können kritisch sein.

Viele schwören ja auf den morgendlichen Ruhepuls als Indikator für Gesundheit. Funktioniert bei mir meistens nicht. Der ist immer so gut wie gleich. Der Puls unter Belastung allerdings lügt nicht. Ein extremes Beispiel hierfür habe ich erst letzten Herbst erlebt: Es sollten nur 20 extrem regenerative Minuten auf dem Laufband sein. Es ging mir gut, ich fühlte mich nicht krank. Pace war etwa bei 9min/km. Da sollte bei mir normalerweise der Puls nicht über 150 gehen. (Ich bin Hochpulser, ihr könnt Eure Kinnlade wieder zuklappen) Kaum war ich so 2 min unterwegs, fielen mir fast die Augen raus: 170. Ok, dachte ich, vielleicht stimmt was mit dem Brustgurt nicht. Ich geh mal ein bisschen. Also hab ich etwas am Brustgurt rumgezubbelt, die Geschwindigkeit gedrosselt, Puls ging langsam runter. Als er so um die 130 war, habe ich das Laufband wieder auf die alte Geschwindigkeit gestellt. Brrrrrrrrrrrrt! war der Puls wieder bei 170 oben. Das Spielchen hab ich noch so 2 Mal gemacht, dann war mir klar, dass es nicht der Brustgurt ist, sondern dass mit mir was nicht stimmt und ich habe das Training abgebrochen. Zwei Tage später lag ich aber so was von flach. Der Ruhepuls war ok gewesen, aber der Belastungspuls hatte schon frühzeitig das Warnlämpchen eingeschaltet.

Ist der Puls in Ordnung und auch das subjektive Gesundheitsgefühl zurück, dann kann man wieder loslegen. Vielleicht nicht gleich mit der ausgefallenen Tempoeinheit, die es nachzuholen gilt, und definitiv nicht mit einem Wettkampf, aber mal einer kleinen entspannten Runde. Wenn ich dann am nächsten Tag merke, dass das eine ganz gute Sache war, kann ich nach und nach wieder steigern, bis ich auf dem alten Level bin. Fühlt sich das noch nicht so gut an, dann besser noch ein paar Tage Pause einplanen.

Ich weiß selbst, dass das mit der Geduld so eine Sache ist. Schließlich ist der Freiburg-Marathon (für mich der halbe) in einem Monat und seit 2 Wochen kann ich nicht trainieren sondern nur bloggen und lesen, aber es bringt nichts, die Sache zu erzwingen. Gesundheit geht immer vor und mag auch der subjektive Verlust an Kondition unerträglich hoch sein, so kommt man doch relativ schnell wieder auf seine Form zurück. Natürlich habe ich diese zwei Wochen „verloren“, weil ich in der Zeit mich nicht durch Training verbessern konnte. Das brauche ich nicht schönzureden, aber ich wäre vor diesen zwei Wochen schon in der Lage gewesen, zu finishen, und das werde ich nach dieser Zeit auch bald wieder sein. Und da ich kein Bestzeitenjäger bin, hat das für mich oberste Priorität. Außerdem, wer weiß schon im Nachhinein, ob die 59 Sekunden oder auch die paar Minugen, die man schneller oder langsamer war als erwartet, jetzt mit dem Training oder der Tagesform, dem Streckenprofil, dem Wetter oder inspirierenden oder nervigen Mitmenschen zusammenhingen. Eine optimale Vorbereitung ist noch keine Garantie für einen optimalen Wettkampf, auch wenn sie die Wahrscheinlichkeit natürlich erhöht.

Ich weiß, es gibt so ganz Harte, z.B. die Streaker, die trotz Krankheit weiter trainieren und damit keine Probleme haben. Hier zeigt sich mal wieder, wie wunderbar bunt unsere Welt ist – und wie unfair gelegentlich. Der eine raucht Kette und wird damit 95, der andere raucht viel weniger und stirbt mit 46 an Lungenkrebs. Der eine wird so gut wie nie krank, diskutiert eine Erkältung einfach weg und trainiert weiter, der andere holt sich eine Herzmuskelentzündung. Der eine trainiert wie ein Besessener und ist trotzdem im Endeffekt langsamer als der andere, der vielleicht weniger trainiert, aber die besseren Gene geschenkt bekommen hat.

Ich könnte noch endlos so weiter aufzählen. Was ich damit sagen will: Man kann keine allgemeingültigen Empfehlungen aussprechen, die für alle verbindlich sind. Doch, vielleicht eine: Hört auf das, was euer Körper euch sagt. Nicht auf das Hirn, das will immer schneller und mehr.

Im Internet rumzulesen – wie ich das die letzten Tage auch getan habe – ist ein ganz guter Zeitvertreib, bietet einem Informationen und Denkanstöße. Dort jetzt aber in einem Forum die Antwort auf die Frage zu finden, wann ICH ganz persönlich wieder trainieren sollte, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Insofern ist auch dieser Blog völlig obsolet. Hat aber Spaß gemacht, ihn zu schreiben.

In diesem Sinne: Bleibt – oder werdet – gesund und habt viel Spaß bei der Vorbereitung auf die ersten Frühjahrsläufe!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s