Bahntraining – Versöhnung nach 20 Jahren


Selfie mit leicht zerstörter Frisur und dm-Alienbrille nach dem Intervalltraining

Selfie mit leicht zerstörter Frisur und dm-Alienbrille nach dem Intervalltraining

Wir haben uns versöhnt – die Stadionbahn und ich – auch wenn es dazu 20 Jahre gedauert hat, wir mögen uns. Wieder? Nein, eigentlich zum ersten Mal. Gehen wir mal so 20-25 Jahre zurück. Da war allein das Wort „Schänzle“ schon genug, um Herzrasen, Schweißausbrüche, Übelkeit und ein plötzliches Motivationstief zu verursachen. „Schänzle“, das bedeutete Leichtathletik, und das wiederum bedeutete, dass das Wetter gerade gut genug war, um in der Regel ohne irgendwie geartetes vorheriges Training, Noten in irgendeiner dieser Disziplinen zu machen. Ich war eine absolute Null in den meisten dieser Disziplinen. Das Einzige, was ich – warum auch immer –  ganz gut konnte, war Hochsprung.

Mit am schlimmsten war aber die Stadionbahn. Dieses nicht endende Rund, während einige meiner Klassenkameraden leichtfüßig Runde um Runde absolvierten, kam ich in der Regel als eine der Letzten an, ständig mit dem Gefühl kämpfend, mich hier und jetzt einfach auf den Boden legen zu müssen und zu sterben.

Man kann den Sportlehrern nicht wirklich einen Vorwurf machen. Das System zwingt sie dazu. Wie soll man vernünftig all diese Disziplinen trainineren mit gerade mal 2 x 45 min. pro Woche, wenn’s hochkommt vielleicht auch 3 Mal. Davon geht jeweils noch eine Viertelstunde fürs Umziehen drauf. Also, vergiss es!

Was ich ihnen allerdings ein Stück weit vorwerfe, ist, dass sie uns nie erzählten, dass und wie man so was trainieren kann. Es wurde immer irgendwie als gottgegeben hingenommen, dass die einen es eben konnten, und die anderen nicht. Hätte man mir damals das Gefühl gegeben, dass es in meiner Macht steht, etwas an meinen unterirdischen Laufleistungen zu ändern, ich hätte es vermutlich getan. Stattdessen hieß es immer: „Das kannst du halt nicht, dafür bist du in anderen Fächern gut.“ Wenn dann noch die Eltern ins selbe Horn stoßen, dann ist man geneigt, so was zu glauben. Dass es so was wie Trainingslehre gibt, war mir nicht klar. Man kann es, oder man kann es nicht – so einfach ist das. Tief in meinem Inneren wusste ich natürlich, dass die Weltklasse-Athleten auch trainieren, aber ich hatte immer den Eindruck, dass Training erst dann ansetzt, wenn man eben so was wie Talent hat. Ich war ja offiziell als talentfrei erklärt, warum also trainieren? Ich hätte sowieso nicht gewusst, wie.

Vor einiger Zeit durfte ich dann offiziell mit besagter Stadionbahn auf dem Schänzle abrechnen, als wir beim Karate-Gasshuku eben dort campierten, und ich (natürlich mit hitzefester Unterlage) genüsslich ein paar Schnitzel und Würstchen auf der Bahn grillte. Das war ein Triumph! Nicht ich wurde gegrillt, wie früher, nein, die Bahn diente mir als Grillplatz! Was für ein Gefühl!

„Meine“ Bahn jetzt ist natürlich nicht so schick wie das Schänzle, dafür ist sie aber völlig unbelastet von negativen Gefühlen.

Den Wunsch, Bahntraining auszuprobieren, weckte mein Lieblings-Podcast, RunRunLive, dessen Autor immer wieder von seinen Trainingsrunden auf der Bahn berichtet. Außerdem erwähnte F aus dem Fitnessstudio, dass er gelegentlich auf der Bahn trainieren würde.

Soweit, so gut, wie kommt man aber an eine Bahn ran, wenn man nicht in einem Leichtathletik-Verein ist? Ich schickte also eine Mail an die Stadt, in der ich höflich anfragte, ob ich die Bahn außerhalb der Unterrichts- oder Vereinszeiten nutzen dürfte. Offenbar wurde diese Mail an zwei verschiedene Personen weitergeleitet, denn ich bekam zwei verschiedene Antworten.

Die eine lautete in Kurzform: „Auf keinen Fall!“, die andere lautete: „Klar, viel Spaß!“ und lieferte die Öffnungszeiten des Stadions gleich mit. Ich glaube, ich muss nicht erklären, welche Mail ich kurzerhand gelöscht habe, oder?

Und in der Tat, ich habe sie schätzen gelernt, diese Bahn. Die Runden haben was Meditatives. Auch wenn ich trotzdem mit GPS laufe (Runden zählen und gleichzeitig laufen überfordert mich irgendwie), habe ich theoretisch eine genau vermessene und vor allem flache Strecke, auf der ich mal wirklich gleichmäßig laufen kann. Ich muss nicht auf Hindernisse (Mülltonnen, Kinderfahrräder, offene Gullideckel, Bierflaschen) etc. achten, brauche keine Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer zu nehmen, werde nicht von Straßenüberquerungen ausgebremst, einfach herrlich. Es ist vor allem in der Jahreszeit schön, in der kein Schulunterricht stattfindet, und das Stadion mir ganz allein gehört. Ab und an kommen mal andere Leute vorbei. Meistens bin ich allein mit meiner Bahn.

Übrigens, meine Garmin stimmt genau mit der Bahnmarkierung überein, wenn ich gegen den Uhrzeigersinn laufe. Mit dem Uhrzeigersinn wird die Runde aus unerfindlichen Gründen ca. 20 m kürzer…

So sehr ich sie mittlerweile mag, ich nutze sie nur für Intervalltraining. Längere Tempoläufe auf der Bahn wären mir zu langweilig und zu einseitig. Auch beim Intervalltraining achte ich regelmäßig darauf, die Richtung zu wechseln, um mein linkes Bein nicht zu sehr abzulaufen.

Wer sich bis jetzt vor dem Bahntraining gescheut hat: Einfach mal eine nette Mail an die Stadtverwaltung schicken und sehen, was passiert. Und dann: ausprobieren! Wo trainiert ihr denn so?

"Meine" Bahn im strahlenden März-Sonnenschein.

„Meine“ Bahn im strahlenden März-Sonnenschein.

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