Läufer und ihre Wahrnehmung durch die Mitmenschen


Inspiriert durch Deichläufers Beitrag, bin ich auch ein bisschen ins Sinnieren gekommen, wie denn so die nicht laufende oder auch die laufenden Umwelt auf einen Läufer so reagiert.

„Missionierungsversuche“ sind grundsätzlich zum Scheitern verurteilt. Das merke ich an meiner besseren Hälfte, die aber jetzt plötzlich von sich aus anfängt, vermehrt zu laufen. Ob das nur zufällig mit dem Run for the Sun und meinem damit verbundenen Streak-Versuch zusammenfiel, oder mit der gemeinsamen Leistungsdiagnostik vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls bin ich plötzlich für Trainingstips gefragt und ein weiteres Paar Schuhe kam auch hinzu…  sehr verdächtig! Und gestern kommt sie auch noch mit einem neuen Shirt nach Hause, weil der Intersport halt zufällig neben dem ATU ist, wo das Auto zwecks Mini-Reparatur nun mal leider hin musste.

Was soll ich sagen? Ich find’s großartig! (Ich hätte nur auch gerne ein neues Shirt… :mrgreen: )

Wenn ich aber davon anfing, wie toll das Laufen doch sei, kam immer nur „langweilig“, „geht zu lang“, „man kommt nicht vorwärts“, „muss halt sein für die Kondition, aber sonst…“

Der Fairness halber ist aber zu sagen, dass sie mich auch vor diesen neuen Entwicklungen in meinen läuferischen Ambitionen immer voll unterstützt und motiviert hat. Da gibt es ja wohl ganz andere Partner.

Der Grund, weshalb ich aber mittlerweile fast nicht mehr außerhalb der eigenen vier Wände oder auf explizite Anfrage von außen über mein Läuferdasein rede, sind die vielen anderen zum Teil desinteressierten, zum Teil aber auch schlichtweg dämlichen Reaktionen, die ich im Laufe meines Läufer-Lebens so gesammelt habe.

So sind in meinem Kirchenchor zum Beispiel zwei Läufer, die beide bei meinem ersten Halbmarathon mit am Start waren. Der eine in organisierender, der andere in laufender Funktion. Stolz wie Oskar berichtete nun der eine Sänger in der nächsten Probe davon, dass ihre Dirigentin und einer ihrer Tenöre soeben den ersten Halbmarathon erfolgreich bestritten hätten. Es kam… nichts… Schweigen, und eine leicht genervte Spannung, wann man dann jetzt endlich mit der Probe anfangen könne.

Ich von mir aus hätte ja sowieso nichts gesagt, aber diese Reaktion hat es mir noch mal bestätigt. Ich glaube noch nicht mal, dass es völliges Desinteresse ist, es ist nur so derart außerhalb des Erfahrungshorizontes mancher Menschen, dass sie mit dem Wort „Halbmarathon“ überhaupt nichts anfangen können. Sie wissen vielleicht noch, dass ein Marathon irgendwie ganz schön weit sein muss, und dass das ja nur Verrückte machen, aber „Ganz schön weit“ liegt irgendwo zwischen dem Weg zum nächsten Briefkasten und der Kneipe im Nachbarort und Mallorca.

Kommt im nicht laufenden Sportlerumfeld die Sprache darauf, kann man unter Umständen mit etwas mehr Verständnis rechnen. Aber selbst hier hört man eher: „Wieso tust du dir das an?“ oder „Gott, was für eine Strafe!“

Im Studio ist das ein bisschen anders. Dort macht man die Ausdauersportler rein optisch sehr schnell aus. Und selbst der nicht sprechende Asket verwandelte sich plötzlich in einen nicht mehr zu bremsenden Wasserfall, als ich ihn fragte, ob er in Freiburg mitlaufen würde. Wahrscheinlich war er irrsinnig froh, dass er sich endlich mal mit einer „verwandten Seele“ unterhalten konnte. Gut, der Asket übertreibt es in meinen Augen wiederum, so wie er meistens die Treppe zur Umkleide rauf und runter eiert, aber solange er glücklich ist, ist das ok, und ich habe größten Respekt vor seinen Leistungen.

Ja, die Leistungen.… Wieso ist man eigentlich in der Schule meistens nur dann cool, wenn man in Sport gut ist? Die anderen Noten können so schlecht sein, wie sie wollen, ist man eine Sportskanone, ist man ziemlich automatisch vorne auf der Beliebtheitsskala. Vielleicht ist auch daher bei mir immer noch die irrige Vorstellung verhaftet, dass man mit sportlichen Leistungen Anerkennung vom Umfeld erntet.

Irgendwann kippt das. In der Uni werden die „Sportler“ plötzlich von einigen belächelt. Man lässt sich verächtlich über das amerikanische System aus, das Sportlern großzügige Stipendien gewährleistet, während die intellektuellen Leistungen weit weniger wichtig zu sein scheinen. Und plötzlich ist aus dem coolen Sportler einer geworden, „der halt sonst nix Gescheites kann.“ Gut, man bewundert irgendwie aus der Ferne die ganz großen Stars, freut sich, wenn die ein oder andere Medaille oder Meisterschaft für Schlaaaaand bei rauskommt, aber ansonsten ist das mit dem Sport eher Zeitverschwendung oder lästige Pflicht, die man eventuell aus der verstandesmäßigen Einsicht heraus betreibt, dass man was für die Gesundheit tun sollte. Also geht man vielleicht ins Fitnessstudio, spult dort freudlos und lesenderweise 30 min auf dem Heimtrainer ab, findet das im Grunde ganz furchtbar, und geht wieder heim, um sich angenehmeren Dingen zu widmen, wie z.B. dem Fernseher, oder auch der Lektüre eines intellektuell anspruchsvollen Werks der Literatur. Und man kommt überhaupt nicht auf den Gedanken, dass sportliche Betätigung, und schon gar nicht Ausdauersport! – mit so was wie Erfüllung und Freude einhergehen könnte.

Dementsprechend reagiert man dann auch auf Ausdauersportler im Umfeld.

Fangen wir mal in der Familie an. Mein Vater findet das, was ich da tue auf eine irgendwie abstrakte Weise ganz gut, glaube ich. Meine Mutter ist eher besorgt, dass ich meiner Gesundheit schaden könnte. Irgendwie ist sie zwar wohl auch ein bisschen beeindruckt, aber ich höre sehr oft unterschwellige Besorgnis heraus.

Meine Oma, die ich ihr ganzes Leben lang nur im Sessel sitzend und wahlweise Handarbeiten machend oder Süßigkeiten futternd kannte – die Frau ist weit über 90 geworden – konnte das am allerwenigsten kapieren.

Zu ihren Lebzeiten lief ich noch nicht sonderlich ambitioniert aber doch recht regelmäßig in meinem einzigen Paar Asics durch die Gegend, eben auch, wenn wir in den  Ferien bei ihr waren. „Und das soll gesund sein???“ rief sie mir einmal entgegen, als ich verschwitzt und keuchend nach einem Lauf wieder auf der Terasse ankam. Man muss dazu sagen, dass es zum Haus wirklich STEIL bergauf ging.

Der Lebensgefährte meiner Tante hielt sich für überaus witzig, und konnte sich jedesmal nicht verkneifen, zu sagen: „Ach, du bist’s, ich dachte, da kommt eine Schnecke.“

Hahaha… 👿

Die Kollegen? Da redet man nicht drüber, bzw. man bekommt eine blöde Bemerkung. Als ich nach dem letzten HM den steilen Hang zum Parkplatz nur mit Mühe raufkam, meinte ein netter Mensch, ob er mir einen Aufziehmotor einbauen solle. Dummerweise hab ich meine Klappe nicht gehalten, und gemeint, dass das nunmal daran läge, dass ich am Vortag 21 km gelaufen sei. Ein Schulterzucken und Augenverdrehen in Richtung einer anderen Kollegin war daraufhin die Reaktion. Also, Memo fürs nächste Mal: Halt’s Maul, auch wenn’s schwerfällt.

Und dann gibt’s da noch die unvermeidlichen Passanten, mit denen man seine Strecken so teilt. Es gibt die freundlichen und weniger freundlichen Stöckchenschleifer, es gibt die Radfahrer, die einen wahlweise a) freundlich grüßen, b) ignorieren, c) fast umfahren und d) – meine Lieblingsvariante – sich von hinten ohne zu klingeln anschleichen. Außerdem gibt es noch ältere auf Bänken sitzende Herren, die sich einfach einen Spruch nicht verkneifen können, wenn eine Frau – und dann auch noch laufend – vorbeikommt. Hier ein paar zur Auswahl:

„Sie müssen Stöcke nehmen, das ist besser!“

„Eins, zwei, eins, zwei…“

„hopp, hopp“

„schneller!“

„nicht so schnell!“

🙄

 

Ich glaube, im Großen und Ganzen versuchen diese Menschen nur, vor sich und anderen ihre Lebensweise zu rechtfertigen, indem sie versuchen, die Sportler zu sich „herunterzuziehen“, ihnen den Sport madig zu machen, und ihr gemütliches Dasein als das Non-plus-Ultra zu verteidigen.

Sport, vor allem Ausdauersport, ist dann plötzlich ungesund, schlecht für den Rücken und potenziell tödlich „Da ist wieder einer nach ’nem Marathon umgekippt, tot! Nee, alles Verrückte, sag ich dir!“

Und dann… bekommt man ihn hin und wieder doch. Den Zuspruch. Und zwar dann, wenn man ihn am wenigsten erwartet. Z.B. wenn der Tierarzt plötzlich sagt: „Ich seh Sie immer wieder mal laufen. Das find ich gut!“, oder die Artzhelferin beim Blutabnehmen plötzlich wissen möchte, wie denn der letzte Lauf so war, oder man die Kassiererin aus dem Supermarkt plötzlich auf der Laufstrecke trifft, ein wissendes Lächeln im Gesicht und ein fast verschwörerisches Zunicken.

Und im Grunde kann es mir ja auch herzlich egal sein, was die Umwelt so denkt. Ich laufe. Es fühlt sich gut an. Punkt.

 

Advertisements

18 Kommentare zu “Läufer und ihre Wahrnehmung durch die Mitmenschen

  1. Tja, da hast Du wohl mit allem Recht, obwohl die Sportler bereits in meinem Abi-Jahrgang und nicht erst im Studium als Vollpfosten verschrien waren (ja, damals konnte man noch Abitur mit Sport-Leistungskurs machen) :mrgreen:

    Natürlich kann man auch faul und fett 90 werden, nur das bringt doch viel weniger Spass 😉

    Salut
    Christian

    • Hey, schön, dich wieder zu lesen! Glaub mir, meine Oma hat ihr Leben und ihren Nougat genossen. 🙂
      Ne, bei uns gab’s zwar keinen Sport LK, die Schule war zu klein, aber die galten immer noch als cool. Vor allem die Volleyballerinnen.
      Salut!

  2. Seh ich eher andersrum.
    Das Gesundheitsmanagement spielt eine immer größere Rolle in den Unternehmen. Krankenkassen bieten in Verbindung mit Laufschulen Laufkurse an.
    Auf einmal begegnen sich Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Abteilungen ohne Hierarchien in einem Laufkurs.
    Im betrieblichen Bereich ist Laufen und auch die Außendarstellung gefragt.
    Habe eher den Eindruck, dass hier der Leistungsgedanke übertrieben wird. Las im Handelsblatt, dass unter Spitzenmanagern es nicht nur wichtig ist einen Marathon zu laufen, sondern auch in einer Zeit < 3 h (3 fach Hüstel). Na denn viel Spaß mit Sport als Ausgleich 😦

    Im privaten Bereich erlebe ich eher ein: Respekt, dass du dich aufgerafft hast. Eigentlich sollte ich auch…
    Aber kein Desinteresse oder gar Ablehnung.
    Meine Frau neigt dazu, meine Veranstaltungstermine allen Bekannten mitzuteilen. Nicht dass mich das unter Druck setzt 🙂

    Generell ist die Begeisterung für ein Hobby, gleich welches, einem Außenstehenden oft schwer zu vermitteln.
    Ich vermute dass Nichtläufer sich oft angegriffen fühlen, weil sie a) ein schlechtes Gewissen haben und b) sich missioniert fühlen. Ich erlebe das meistens, wenn ich erzähle dass ich Vegetarier bin 🙂

    • Ich denke, du hast Recht, dass in manchen Bereichen der Sport schon eine Art Statussymbol ist und die erfolgsorientierte Persönlichkeit unterstreicht. Die Firmenlaufkurse finde ich eine gute Sache, aber ich komme mit diesen Kreisen gar nicht in Berührung, deshalb erlebe ich es wohl anders. aber es ist ja gut, wenn es auch Gegenbeispiele gibt! Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar!

  3. jau, ein schöner beitrag, kenn ich so ziemlich genau so, als kind eher unsportlich (deshalb kein abi mit sportLK aber mathe englisch und BK [bildendeKUNST ;-] ) und damit spätberufene

    die kollegen in der alten firma hatten sich über die 18 jahre dran gewöhnt als ich so kurz nach der jahrtausendwende anfing die mittagspausen im westerwald DRAUSSEN zu verbringen, gegen ende waren wir manches mal zu 4-6 unterwegs

    in der neuen ist firmenlaufTeilnahme fast „pflicht“, naja, so „schlimm“ nicht, aber wenn der abteilungsleiter alljährlich mindestens den röntgenlaufHM macht hat man’s halt leichter 😉
    in unserer straße ruft mir JEDESMAL ein ältere herr nach „warum laufen Sie so schnell sind sie vor ihrem mann auf der flucht?“, nur als wir neulich mal wieder zusammen unterwegs waren hielt er die klappe, komisch 😆

    • Oh ja, auch so einer dieser Spaßvögel, die denken, nur weil man einen Witz ständig wiederholt, wird er immer witziger. 🙄
      Bei uns gab’s mal so eine Aktion, bei der aus dem Kollegium ein Team für einen 24-Stunden-Lauf zusammengestellt wurde, aber ich konnte damals nicht teilnehmen und ansonsten ist da auch nichts weiter passiert. Aber ich bin auch ganz froh, dass ich die Nasen beim Laufen nicht auch noch sehen muss, obwohl ich ein paar wirklich nette KollegInnen habe. Du hattest 3 LKs?

  4. Pingback: 4 km Testlauf und die lieben Nachbarn | laufkater

  5. Pingback: Durchbeißen! | laufkater

  6. „hopp“, „hopp“ verursacht in mir immer Aggression 😀

    Mittlerweile habe ich eine Standart-Antwort immer parat (die ich dann während des Weiterlaufens nachrufe): „Ich muss dringend auf´s Klo“ 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s