4 km Testlauf und die lieben Nachbarn


„Gehen Sie jetzt schon rennen? Ha, ihr zwei habt halt einfach nicht genug Arbeit!“ So begrüßt mich morgens um ca. halb 9 meine Nachbarin, die vor ihrem Haus die Fugen an der Bordsteinkante von Unkraut freikratzt.

Und WUMMS mutiere ich also von der sportlichen vollzeitbeschäftigten Powerfrau (zumindest dachte ich, dass mich manche meiner Nachbarn vielleicht eventuell so sehen könnten, vielleicht…) zum ordinären Tagedieb. Das geht ja gut los…

Ich verkneife mir, zu sagen, dass das gerade mal der zweite Ferientag ist, dass ich bereits um 6 Uhr aufgestanden bin, um den für 7 angekündigten Schornsteinfeger durchs Haus zu führen, und dass es verd… nochmal vernünftig ist, an einem Tag, der warm werden soll, vormittags zu rennen, pardon, laufen. Das alles sage ich nicht. Statt dessen schenke ich ihr ein strahlendes Lächeln und socke los Richtung Stadion.

Mir ist etwas mulmig, denn heute will ich endlich den Vicsystem-Testlauf hinter mich bringen, angeblich der ultimative Test meiner momentanen Leistungsfähigkeit. Seit einigen Tagen schon mault mich das Programm jedes mal an, wenn ich es starte. Heute soll es endlich ruhiggestellt werden.

Testlauf heißt: 10 Runden auf der Bahn, so schnell wie möglich, die letzte Runde volles Rohr. 10 Runden können elend lang sein, und überhaupt, wie schnell ist „so schnell wie möglich“ gerade? Ich beschließe, einen 6er Schnitt anzupeilen, denn mein großes Ziel wäre, dieses Jahr am Silvesterlauf zumindest mal in die Nähe der 1 Stunden-Marke auf 10 km zu kommen.

Erstmal habe ich Glück: Das Stadion ist offen. Schon wieder befindet sich eine seltsame Gestalt dort. Diesmal ein Typ in merkwürdigen 3/4 Bollerhosen, der zunächst auf der Tribüne rumhängt, dann ca. 200 m joggt, wieder zur Tribüne zurück geht, wiederum etwa 200 m joggt, und dann verschwindet. Muss ich erwähnen, dass er einen Gruß nicht für nötig erachtete?

Ich atme noch mal tief durch, begebe mich an die Startposition 1, gehe ein paar Schritte rückwärts, laufe an und drücke die Lap-Taste meiner Uhr beim Überqueren der Linie. Fast augenblicklich bekomme ich leichtes Seitenstechen rechts am Rippenbogen. Na super. Wenigstens die Beine fühlen sich so weit gut an. Eigentlich wäre das ein Job für meine Kinvaras, aber die sind noch nass. So kommen die Pure Cadence zu Ehren, die ja auch schön leicht sind.

So die Runden 1, 2 und 3 fühlen sich noch ganz gut an, wenn man mal das Seitenstechen außen vor lässt. Es ist nicht stark, aber stetig. Pace ist 6:05, voll im Plan also. So in Runde 4 fange ich an, mich nach Runde 5 – sprich: Halbzeit – zu sehnen. In Runde 6 denke ich „ächz!“. In Runde 7 kann ich nur noch daran denken, wie toll es sein wird, wenn das alles in 3 (oh shit!) Runden vorbei ist. Die Pace stimmt noch. In Runde 8 fangen meine Arme an zu kribbeln. Ich will Tempo rausnehmen, aber irgendwie geht das nicht, es ist nicht schön, aber ich falle nicht um, also Runde 9.

„Go to the dark place to know what you’re really capable of.“ sagt Chris Russel in der neuesten Episode vom RunRunLive Podcast, und irgendwie hat er ja Recht. Man muss ja schon ein bisschen leiden, wenn man vorwärtskommen will. Aber so viel? Ich glaube, ich habe die dunkle Seite gerade entdeckt. Ist die Macht noch mit mir?

In Runde 10 sollte ich theoretisch noch beschleunigen. Das geht genau so wenig wie Tempo rausnehmen, es sei denn, ich möchte mein Frühstück wiedersehen. Erst auf der letzten 100m Gerade kann ich noch ein bisschen Gas geben. Auf der Ziellinie drücke ich die Lap-Taste. Ich wanke ein bisschen im Kreis. Nur nicht hinsetzen! Puls ist bei 191. Was genau haben die bei der Leistungsdiagnostik eigentlich gemessen? Dankenswerterweise geht mein Puls nach relativ kurzer Zeit wieder in den grüneren Bereich. Jetzt kann ich vermutlich gefahrlos eine Pause machen.

Wie gut, dass ein netter Mensch da eine Sprungmatte hingestellt hat.

Ein Bett im Innenfeld…

Ein Bett im Innenfeld…

Ich bin fertig wie ein Schnitzel. Als ich wieder geradeaus schauen kann, drehe ich noch eine Barfuß-Runde auf dem frisch gemähten Fußballrasen, so ein Lauf-Geh-Mix, mehr ist nicht mehr drin.

Ja, wird sich jetzt manch einer denken, was soll das denn? 6er Pace und an der K*tzgrenze, das ist ja lächerlich! Demjenigen leihe ich gerne mal meinen Körper, dann sprechen wir weiter. Aber ich hätte ihn gerne sauber und unbeschädigt zurück.

Auch auf dem Heimweg habe ich erstaunlich wenig Lust, nochmal anzutraben. Erst als ich eine Walkerin erspähe, kurz vor daheim, erwacht mein Ehrgeiz erneut. Da es sich nicht um eine ernsthafte Walkerin handelt sondern um eine der Spezies „Ich trage hier mal zwei Stöcke spazieren, weil es die bei Aldi gab“, bedarf das auch keiner allzu großen Anstrengung. Außerdem geht es bergab.

„Das ging jetzt aber lang!“ begrüßt mich die Nachbarin, die mittlerweile bei der anderen Nachbarin am Zaun rumhängt.

Ich nicke, lächle, und schleppe mein durchgegartes Selbst unter die Dusche. Zu mehr Reaktion wäre ich nicht fähig gewesen.

Wer glaubt, dass das jetzt alles war, der irrt.

Als ich so etwa eine Stunde später, frisch geduscht, gewässert und mit selbstgemachtem Rote-Beete-Smoothie gefüttert wiederum das Haus zum Einkaufen verlasse, ist sie wieder da.

Es entwickelt sich folgender kleiner und sehr aufschlussreicher Dialog:

Sie: „Haben Sie eigentlich abgenommen?“

Ich (stolz, weil durch unglaubliche Disziplin und Ernährungstagebuch endlich mal meinem Zielgewicht greifbar nahe): „Ja!“

Sie: „Mit Absicht?“

Ich: (verwundert) „Ja?“

Sie: „Gefällt mir gar nicht! Jetzt aber nicht mehr weitermachen, gell?“

Ich: „Äääh, noch 2 Kilo, dann höre ich auf.“

Sie: „Sie haben mir vorher viel besser gefallen. Viel weiblicher!“

Ich: „Ääääh, aber ich fühle mich viel besser!“

Sie: „Aber vorher haben sie besser ausgesehen, mit Kurven und so. Wenn Sie so weiter machen, ist der ganze Busen weg.“

Ich: ( 😯 ) „Na und???!“

Man muss dazu sagen, dass ich ein nicht gerade figurbetontes Schlabbershirt an hatte, unter dem man nicht so wirklich Aussagen über eventuell vorhandene oder nicht vorhandene Körbchengrößen machen konnte. Man muss auch dazu sagen, dass besagte Nachbarin… nun… SEHR weiblich aussieht, sozusagen barock.

Und ich würde auch mal behaupten, dass ein Zielgewicht von 63 kg bei einer Größe von ca. 1,70 definitiv nicht am Untergewicht langschrabbt. Und abgesehen davon: WAS GEHT ES SIE AN???

Man muss auch dazu sagen, dass ich unsere Nachbarin eigentlich wirklich mag. Sie ist ein herzensguter Mensch, würde uns am liebsten das Haus einrichten, bringt dauernd Geschenke und ist alles in allem wirklich sehr nett.

Aber dass sie es mit dem Sport nicht so hat, wäre noch untertrieben zu sagen.

Und wieder einmal fasziniert es mich, wie unterschiedlich die Wahrnehmung des sportlich Aktiven durch den eher nicht Aktiven ist. So ganz naiv könnte man ja meinen, dass vielleicht jemand, der sich regelmäßig und gerne bewegt, bisweilen auch ein bisschen schindet, und echt hart an seinem Gewicht arbeitet (Schilddrüse sei Dank), so ein klitzekleines Bisschen den Ehrgeiz der Umgebung anstacheln könnte. Aber nein, das Gegenteil ist der Fall.

Wie ich es in einem anderen Beitrag ja auch schon geschrieben habe: Viele versuchen, den anderen zu sich – ich sag’s mal ganz böse – runter zu ziehen. Sport am Vormittag ist verwerflich, wenn nicht vorher alle „richtige“ Arbeit erledigt ist. Und überhaupt: das ist ja ganz schöne Zeitverschwendung. Und eine Frau kann doch ruhig mal ein bisschen weiblich aussehen! (Was für ein saublödes Adjektiv! Ich hatte noch nie das Bestreben, besonders „weiblich“ zu wirken. Ist halt nicht mein Ding. Wen kümmert’s?)

Meine Mutter, gute Figur, aber ebenfalls eingentlich nicht in dem Sinne dünn, musste sich mal von einer vollschlanken Kollegin anhören: „So dürr wie Du will ich gar nicht sein.“

Bei mir ist das eher umgekehrt. Ich sehe eine Frau in meinem Alter, die schneller läuft als ich, und denke: Wow, das will ich auch können! Und fühle mich herausgefordert und inspiriert. Oder ich denke: Mann, die Figur hätte ich auch gerne! Oder ich lese einen faszinierenden Laufbericht und denke: „Wenn XY das schafft, könnte ich das vielleicht auch eines Tages schaffen.

Ja nun.

Ach ja. Nachdem ich das Resultat des Testlaufs in Vicsystem eingegeben habe, hat das nette Programm Kilometerleistung und Tempo drastisch nach oben geschraubt. Aaaaaaaargh! Schön zu sehen, dass ich offenbar Fortschritte gemacht habe, aber ich bin gespannt, ob ich das so packe. Wir werden sehen.

Ach ja: Ich habe heute übrigens noch einen Stachelbeerkuchen gebacken, die Mahonien abgeerntet und entsaftet, und einen viel zu langen Blogpost geschrieben. Genug gearbeitet?

 

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21 Kommentare zu “4 km Testlauf und die lieben Nachbarn

  1. Aus meiner Laien-Psychologen-Sicht spricht doch aus der guten Dame das reine schlechte Gewissen. Du erinnerst sie beim Abnehmen und bei den sportlichen Aktivitäten doch daran, dass sie das versäumt und selbst wenn man sich – was ich nicht verwerflich finde – „barock“ schön findet, so weiß doch jeder, dass es der Gesundheit nicht zuträglich ist.

    Ich vermute mal, dass es unter den Nachbarn oder Leuten, die meine frühmorgendlichen Läufe mitbekommen, einige gibt, die mich für verbissen und spassbefreit halten, was ich (aus meiner eigenen Sicht) so überhaupt nicht finde. Aber ja, ehrgeizig bzw. konsequent bin ich und ja, mein Gewicht möchte ich auch im Griff behalten.

    Ansonsten Glückwunsch zum neuen Max-Puls. 🙂 und viel Spaß noch mit dem Vic-System.

    • Ich glaube, die Laienpsychologin hat da gar nicht mal so unrecht. 🙂
      Ob vicsystem und ich Spaß miteinander haben werden, wird sich bei dem neuen verschärften Trainingsplan noch rausstellen. 🙄

  2. Ach ja, die lieben Nachbarn
    Gespräche
    wie du sie erfahren durftest
    kenne ich zu genüge
    “ Fallen sie ja nicht vom Stengel
    das, was sie tun
    ist das nicht gefährlich
    ist das nicht zu viel
    sie sind ja schon so dünn
    mittlerweile geht mir das
    von einem
    ins andere Ohr
    völlig unauffällig
    leise
    und ohne Schmerzen

    Schlanke Läuferinnen
    erzeugen Neid
    sowieso
    darum erst Recht
    ich liebe es
    sportlich
    schlank und fit zu sein
    und es gibt auch viele in unserem Ort
    die das richtig gut finden
    bis auf die Neider

    einmal Exotin
    immer Exotin
    ich bin gerne Exotin

    Bin 1,71 groß
    und wiege ein paar Kilo weniger
    bin ich jetzt magersüchtig
    oder krank ?

  3. Ich befürchte fast es ist zu viel des Guten der Nachbarin ein schlechtes Gewissen zu unterstellen. Auch Neid oder Anerkennung kann hier falsch interpretiert werden. Wenn ich an meine Nachbarn denke kann ich nur sagen: manchen Menschen sind einfach unglaublich dumm! Und sie halten sich am „Normalen“ fest wie Schiffbrüchige. Da nun eine sportliche junge Dame ohne 20kg Übergewicht nicht in ihren Kosmos passt ist klar, dass sie das ablehnen. Normal ist eben „Fugen kratzen auf dem Trottoir“, „Hausordnung am Samstag“, „Mittagessen (warm!) um 12:30“, „Das goldene Blatt“ und „Wetten dass“ oder „Carmen Nebel“ am SA Abend!
    Und alles was da nicht reinpasst ist komisch!

    Ich finde Du machst das super! Bei der alten Nebelkrähe halte es wie die Pinguine: Lächeln und Winken!

    LG

    • Jetzt muss ich unsere Nachbarin doch ein bisschen in Schutz nehmen. Soooo beschränkt, wie Du sie hier schilderst, ist sie nicht. Da kenne ich ganz andere. Sie ist wirklich ein herzlicher Mensch, und vor ihrer Weltsicht ernsthaft um mein Wohlergehen besorgt. Aber manchmal bleibt nur lächeln und winken. 😉

  4. So hoch würde ich meinen Puls nie bekommen – glaube ich. Meist ist wirklich 10 Schläge vorher schon Schluss. Oder aber ich hab es mir einfach noch nie so ganz gegeben. Aber trotzdem werde ich keine 10 Runden Vollgas auf der Bahn geben, auch wenn ein vernünftiges Intervalltraining mal wieder angesagt wäre…

    • Das sind die Pflanzos mit den Piekseblättern und den blauen Beeren. Die wenigsten Leute wissen, dass man daraus hervorragendes Gelee machen kann, und haben sie nur als Hecken/Zierpflanzen.
      🙂

      • danke schön, ich glaub da hast Du grad jemandem sehr geholfen, ich hatte da auf facebook sone anfrage gesehen … das sah SEHR danach aus … ach: sie hat sie schon rausgerissen weil sie da was anderes haben wollte 😦

  5. Ha, genau so ist es und die Nachbarn wissen immer alles besser. Das mit dem Gewicht geht nun wirklich keinen was an, ich ignorier das immer…lächeln und winken, lächeln und winken :mrgreen:

    Salut

    • Genau, stur lächeln und winken. 😉
      Ich hätte ja mich auch gar nicht auf diesen Dialog eingelassen, wenn ich nicht in meiner unschuldigen Naivität ein Kompliment erwartet hätte. 🙄
      So kann man sich irren…
      Salut!

  6. Hallo,

    ein dèja-vu, ein déja -vu – diese Dialoge kenne ich auch… Als ich vor einiger Zeit abgenommen hatte bekam ich auch ca. 5 kg VOR meinem NORMALgewicht schon zu hören, ob ich nicht langsam mal aufhören wolle, ich sähe furchtbar aus, ganz ungesund, viel zu dünn. Wenn ich dann darauf verwies, dass ich immer noch 5kg ÜBER meinem NORMALgewicht liege, dann kam das irgendwie gar nicht an.. „Ja, trotzdem, kann doch nicht gesund sein“ usw.

    Woran es liegt? Ich persönlich denke an eine Mischung der genannten Faktoren: Unwissenheit, Unsicherheit, ein bißchen Neid und festhalten an bestehenden Dingen. Alles was nicht „normal“ ist (wobei wohlgemerkt die anderen definieren was „normal“ ist) wird abgelehnt.

    Die Pinguin-Strategie finde ich in solchen Fällen auch immer am besten: immer lächeln und winken, immer lächeln und winken. Mach Dein Ding – mach das was für DICH richtig ist.

    Hervorragend. Danke für diesen aufmunternden Beitrag. Ich habe ich sehr genossen! 🙂

    Viele Grüße,
    Thomas

  7. Pingback: Fakirlauf im Stadion | laufkater

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