Durchbeißen!


2014-08-03 17.18.35

Dieses Bild entstand vor ein paar Tagen in unserem Garten. Bisher dachte ich es nicht als tauglich für einen Blogbeitrag, aber im Moment wird es für mich symbolisch.

Das Schneckentier fraß sich von unten durch den Pilz nach oben, und als sie oben ankam, brach der Pilz auseinander, und die Schnecke fiel wieder runter. Am nächsten Morgen war der Pilz weg…  🙂 Wer hat hier also Durchhaltevermögen bewiesen?

Ein bisschen ist es so mit meinem Läuferdasein. Ich fresse mich von ganz unten langsam nach oben, nur damit mich irgendwas (z.B. ein Infekt) wieder runterwirft, aber irgendwann werde ich den Pilz gemampft haben. Ich muss nur dranbleiben.

Viele fragen mich in den Kommentaren zu meinen letzten Trainingsberichten, warum ich mir gerade verschärftes Tempotraining antue, wo „Tempo“ bei mir doch ein Bereich ist, der nie auf irgendein Siegertreppchen führen wird. Warum sich für etwas schinden, was auf einer Rangliste vielleicht einen Unterschied zwischen Platz 873 und Platz 799 ausmacht? Warum nicht einfach entspannt durch den Wald zuckeln, ohne Pulsmessung, Trainingsplan und den ganzen Mist? Ja warum?

Den Respekt der Mitmenschen ernten? Quatsch! Das habe ich ja schon mal durchdacht, und festgestellt, dass dem eher nicht so ist.

Jagd nach Zahlen? Wow! Ich bin diesmal 2 Sekunden schneller gewesen als letztes Mal! – Blödsinn.

Nein, es geht mir um etwas ganz Egoistisches: Grenzen testen und wenn möglich überwinden, und dadurch so etwas wie Selbstbestätigung zu bekommen. Wenn ich mich hier in irgendeinem Wettkampf befinde, dann mit mir selbst.

„Wissen Sie“, sagte der Arzt bei der letzten Leistungsdiagnostik, als ich so furchtbar enttäuscht war, dass ich in zwei Jahren kaum nennenswerte Fortschritte gemacht hatte, „es gibt Menschen, die sehr gut trainierbar sind, und Menschen, die eben kaum trainierbar sind. Die Gene sind ungerecht. Freuen Sie sich, dass Sie gesund sind.“

Ja, ich freue mich, dass ich gesund bin. Und ich will jetzt wissen, ob ich wirklich „kaum“ trainierbar bin, oder ob ich bisher eben einfach nur an der Oberfläche gekratzt habe, zu wenig die Wohlfühlzone verlassen, um wirklich an Leistungsvermögen zuzulegen.

Ich genieße das Laufen, die Zeit draußen, die Natur, aber ich bin nunmal auch mit einer gewissen Portion Ehrgeiz ausgestattet, und möchte irgendwann auch sehen, dass die ganze so verbrachte Zeit zu irgend einer Art von Resultat führt. Ok, sollte ich nun nach einer gewissen Zeit feststellen, dass verstärktes Tempotraining wirklich zu nichts führt, dann nehme ich mit Freuden all die anderen schönen Dinge, die mir das Laufen beschert: Ausgeglichenheit, Sauerstoff, Entspannung, Eindrücke…

Ich will auch nicht auf Teufel komm raus und gegen meinen Körper trainieren. Ich werde keine Schmerzmittel einwerfen, Verletzungen ignorieren oder Ähnliches tun. Ich trainiere jetzt hart, weil ich die Zeit dazu habe, und nur, solange es mir dabei gut geht. Dass mal was zwickt, quietscht oder muskelkatert ist dabei völlig normal. Sollte ich jedoch merken, dass es zuviel ist, dann fahre ich runter, keine Angst.

Meine Zeitziele sind nicht im Leistungsbereich. Wirklich nicht. Ich möchte mal den HM in 2:30 laufen und die 10km in einer Stunde. Das würde mir fürs Erste schon reichen. Und das sind Zeiten, die andere Menschen ohne jedes spezifische Training einfach mal so nach einer Weile Freizeitjoggen aus dem Ärmel schütteln können. Und ich denke, das müsste irgendwie machbar sein.

Irgendwann, vielleicht nächstes Jahr, möchte ich einen Marathon laufen. Auch einfach nur, um zu wissen, ob ich das kann. Ich habe dafür kein bestimmtes Zeitziel. Aber ich denke, um noch vor Zielschluss anzukommen, wäre ein HM in 2:30 eine verlässliche Grundlage.

Und dann sind da noch die ganz alten Stimmen in meinem Kopf:

„Du bist langsam“

„Nur wegen dir haben wir verloren.“

„Sei doch nicht immer so lahm.“

„Das kannst du doch eh nicht.“

Die Menschen, die das vor zig Jahren zu mir gesagt haben, erinnern sich vermutlich zum großen Teil überhaupt nicht mehr an mich. Es sind auch gar nicht diese speziellen Menschen mehr, denen ich was beweisen muss. Ihre Sätze haben sich nur leider sehr tief in mein Unterbewusstsein eingebrannt, und ich habe das Gefühl, ich kann sie loswerden, wenn ich ihnen ein für alle Mal das Gegenteil beweise. Denn so blöd es klingt, sie nagen immer noch an mir. Und jedes Mal, wenn ich es schaffe besser zu sein, schneller zu sein, dann kann ich diesen Stimmen den Mund verbieten. Allein das ist es schon wert.

Und es ist auch das Gefühl, etwas geleistet zu haben, von dem ich vielleicht selbst erst noch nicht so ganz überzeugt war, es leisten zu können. Nicht aufzugeben, auch wenn kein Trainer am Rand steht und mich motiviert oder anbrüllt. Die letzte Runde noch durchbeißen, die letzten Meter. Das ganz allein zu schaffen, mir danach innerlich auf die Schulter zu klopfen, nach Hause und unter die Dusche zu gehen, das ist ein verdammt gutes Gefühl.

Und ganz abgesehen davon, fühlt sich schneller laufen einfach besser an! Es haut nicht bei jedem Schritt so in die Gelenke, sondern federt, fliegt… hach… Jetzt muss nur noch die Pumpe und der Stoffwechsel mitkommen. Schon allein dafür würde es sich lohnen.

Gründe genug?

 

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14 Kommentare zu “Durchbeißen!

  1. Jeder hat seine eigenen Gründe – genug sind es auf jeden Fall. Und ich finde, jeder muss durch seine eigenen Erfahrungen gehen. Wenn Dir das jetzt gut tut, dann ist es gut. Solche Trainingspläne sind für Ehrgeiztierchen ja nicht unbedingt ne Quälerei. Ich hab furchtbar gern nach Plänen trainiert. Für mich hat sich aber rausgestellt, dass ich dann schneller verletzt bin und heute laufe ich halt so vor mich hin und bin damit mehr als zufrieden. Du wirst für Dich den richtigen Weg gehen und mit so nem bescheidenen Stoffwechsel im Hintergrund find ich es auch nachvollziehbar, wenn man sich das ein wenig beweisen möchte. Alles Gute Dir.

  2. Liebe Christiane,

    Du musst Dich für Dein Training oder Deine Ambitionen nicht rechtfertigen. Ich denke, bei so einem Thema, hat jeder eine andere Meinung. Deine Gründe sind nicht allgemeingültig und Deine Absicht ist nur für Dich richtig.
    Grenzen austesten ist für mich auch ein Punkt, den ich immer wieder verfolge, nur immer in Rücksicht auf mein sonstiges Leben und meinen Körper. Für Extreme ist weder mein Körper noch meine Psyche gemacht, das weiß ich und kann es akzeptieren. Das hatte ich auch mit meinem vorhergehenden Kommentar gemeint. Manchmal sollte man einfach zufrieden sein, wenn man es nicht ist, muss man natürlich, falls möglich daran arbeiten.
    Als Fazit kann ich mich nur Anja anschließen, Du findest Deinen Weg 🙂

    Salut
    Christian

    • Ich hatte auch nicht das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Ich wollte das auch mal für moch selbst klären, bzw. auch für all diejenigen, die sich damit schwer tun, zu verstehen, weshalb ein bisschen Quälerei sich vielleicht doch lohnt. Damit bist nicht du gemeint. 🙂
      Nein, Extreme sind auch nicht unbedingt was für mich. Ich wohne schon lange genug in meinem Körper, um zu wissen, wie es ihm geht.
      Und jetzt geh ich gleich raus, hau einen Tempolauf durch, und fotografiere (danach) hässliche Ecken. 😉 Und wenn ich Glück hab, regnet’s gleich.

  3. Sehr schöne und offene Worte. Und allesamt nachvollziehbar!
    Und ich finde es selbst auch schön Grenzen auszutesten und zu erleben. Und dabei wünsche ich dir viel Spaß, auch wenn es eine Menge Quälerei bedeutet!

  4. Ja, ja, das liest man es wieder
    das “ Problem “ liegt in der Kindheit
    wie so manches
    es verlässt uns nie
    aber wenn wir es erkannt haben
    das ist doch schon mal was

    Jeder hat seine Ziele
    du hast diese
    andere haben andere
    lass‘ dich nicht beirren
    gehe deinen Weg
    so wie jeder von uns
    lass‘ dich nicht beeinflussen
    wir tun das alle
    jeder von uns hat seine Vorstellungen von seinem
    auch sportlichen Leben

    Darum probiere es aus
    oder nicht
    ich habe es schon ausgetestet
    auf meine Weise
    und ich kann sagen
    geschadet hat es mir nicht
    eher gut getan

    Viel Glück bei allem
    was du tust und in Zukunft tun wirst !

  5. Ja in vielen von uns wohnt ein Ehrgeiztierchen (zusammen mit einem Schweinehund). Das was wir anfangen, wollen wir einfach so gut wie möglich machen und an die Grenzen gehen. So lange man nicht vergisst, ab und an fünf gerade zu sein lassen, um nicht gestresst zu werden, ist doch alles gut. Du brauchst dich in der Tat nicht zu rechtfertigen, aber gut wenn dir das sortieren der Gedanken im Blog hilft.

    • Ja, das ist das Schöne am Blog. Es hilft wirklich, sich zu sortieren, und durch die Kommentare bekommt man auch immer wieder neuen Input und kocht nicht nur im eigenen Saft. Bei uns gibt es gerade keine Hitze. Nur Feuchtigkeit…

  6. Dann hau rein, besieg die Stimmen in Deinem Kopf.

    Wenn Dir das gelungen ist, wirst Du wieder entspannt andere Wege gehen.

    Alles hat seine Zeit.

    Liebe Grüße
    Volker

  7. Ja, ein interessanter Gedanke…. Warum laufen wir bzw. jeder einzelne? Denn nur auf den einzelnen kommt es an. Der/Die eine, aus gesundheitlichen Gründen, der/die andere, weil man sich ein Ziel gesetzt hat, der/die nächste, aus Spaß an der Freude, usw. Wichtig ist doch, dass Du Dir im Klaren bist. Im „wahren Leben“ gibt es so viele Zwänge, da sollten man doch im Freizeitbereich das tun, was man möchte, und nicht, was man meint anderen beweisen zu müssen. Außer – letzteres ist einem dermaßen wichtig. Ich persönlich finde, es muss Spaß machen. Und wenn es der Spaß ist, mal die eigene Schnelligkeit auszutesten. Oder eben ein Ziel (1 Std/10 km, oder 2,5 Std. HM) zu erreichen. Das trägt einen letztendlich.
    Finde ich.
    Liebe Grüße und schöne Läufe, egal ob flott oder gemütlich!
    Elke

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