Gasshuku 2015 in Tamm oder: Karate und Laufen – geht das zusammen?


Meine Laufgeschichte beginnt eigentlich gar nicht mit Laufen. Sie beginnt mit meinem Entschluss, Karate lernen zu wollen. Dies geschah im Jahr 2002 als ich – durch meine bessere Hälfte neugierig geworden – völlig naiv ein Dojo (Trainingshalle) betrat, und mich einfach so dazu gesellte.

Einen Anfängerkurs gab es nicht. Also versuchte ich, mit mehr oder weniger Erfolg, nachzumachen, was die anderen so vormachten. Hin und wieder kümmerte sich mal jemand für 5 Minuten gesondert um mich, um mich vor den schlimmsten Fehlern zu bewahren. Ansonsten wurschtelte ich mich einfach so durch und hatte irgendwie Spaß dran. Es war dann letzendlich das Karate-Training, was mir zeigte, dass ich dringend an meiner Kondition arbeiten sollte. Da lag Laufen nah, weil unkompliziert. (Das war, bevor sich mir die wunderbare Welt der Trainingsdaten-Sammelwut und der elektronischen Spielsachen erschloss) 🙄

Karate und Laufen haben viel gemeinsam.

  • Dein wichtigster Gegner bist immer Du selbst.
  • Du kannst in einer Gruppe oder alleine trainieren.
  • Es sind per se keine Mannschaftsportarten, obwohl auch die sozialen Aspekte groß geschrieben werden
  • Du kannst Dir stundenlang im Internet die Köpfe über die unterschiedlichsten Themen heiß reden
  • Du brauchst eine stabile Körpermitte
  • Die meisten Karateka und die meisten Läufer sind sehr nette Menschen
  • In beiden Sportarten gibt es Poser
  • Kuchen gehört zu Karate-Lehrgängen und Laufveranstaltungen zwingend dazu

Natürlich gibt es aber auch einen Haufen Unterschiede

  • Funktionsklamotten versus Baumwoll-Gi (es gibt in manchen Verbänden und Stilrichtungen auch Funktions-Gis, aber die sehen aus wie Schlafanzüge.)
  • freie Natur gegen mehr oder weniger belüftete Sporthalle
  • gleichförmige Bewegung statt ständiger Abwechslung
  • Stoppuhrzeit statt Gürtelgrad
  • Gadgets bis zum Umfallen versus Verletzungsgefahr durch alles, was man außer Kleidung am Körper trägt
  • Hightech-Schuhe versus barfuß

Gerade in der letzten Woche konnte ich die Verträglichkeit von Karate und Laufen wunderbar testen, denn dort fand das jährliche Großereignis meines Verbandes – dem DJKB – statt: Das Gasshuku.

Training 1.Dan1 Training 1.Dan2

Ganz grob kann man das mit „Trainingslager“ übersetzen. Sieht so aus, dass man von Montag bis Freitag jeweils 3 Trainingseinheiten absolviert, wobei die erste 60 min lang ist und die folgenden beiden jeweils 90 min. Das ist eine durchaus fordernde Geschichte, zumal wenn die Temperaturen wie dieses Jahr an der 40°C-Grenze knabbern.

Daher habe ich auch meinen seit Juni dauernden Runningstreak zugunsten des Gasshuku unterbrochen. Klar hätte ich theoretisch noch zusätzlich laufen können, aber ich fand das ein bisschen übertrieben. Zwischen den Einheiten gehört es einfach dazu, den Gi möglichst wieder trocken zu kriegen, und ein bisschen mit den anderen vor der Halle rumzuhängen.

Gi trocknen

Am Ende des Tages ist es sehr entspannend, einfach auf dem improvisierten Campingplatz – in diesem Fall eine Wiese hinter dem Fußballstadion des VfB Tamm – noch ein bisschen zu chillen. (Wobei „grillen“ statt „chillen“ dieses Jahr der passendere Ausdruck gewesen wäre.)

Camping-LebenCampingleben2

Es ist eine ganz andere Art, den Kopf frei zu kriegen, als beim Laufen, aber trotzdem mindestens genau so gut.

Was ich deutlich gemerkt habe: Ich habe die 3 Einheiten noch nie so gut weggesteckt wie in diesem Jahr, und dass, obwohl ich kaum Karate trainiert habe. Die Kondition durch das fast tägliche Lauftraining ist unglaublich gut. Und während der Schweiß zwar in Strömen lief, hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl „Himmel, ich kann nicht mehr!“, wie es früher oft der Fall war. Da ging meinen Trainingspartnern deutlich früher der Saft aus.

Umgekehrt sah die Sache ein bisschen anders aus. Den Samstag gönnte ich mir noch als Pause und drehte nur eine kurze Runde mit den neuen Launch2 aus dem Testpaket, weil die einfach unbedingt raus wollten. Den Longrun legte ich auf den Samstag.

Der lief dann jedoch alles andere als rund. Rechts war irgendwas verschoben, so dass ich immer wieder Gehpausen einlegen musste, um mein Knie zu entkrampfen. Hinzu kam, dass ich vermutlich mit meinen geliebten Ghost 7 in dem Fall wohl eher schlecht beraten war, da ich die ganze Woche eigentlich größtenteils barfuß (im Training) oder in Flip-Flops (dazwischen) verbracht hatte, so dass die Sprengung des Schuhs den Bewegungsablauf noch zusätzlich störte. Autsch! Da können 18 km ganz schön lang werden.

Das Problem im Karate-Training ist häufig, dass eine Seite – und meistens ist es die rechte – deutlich stärker beansprucht wird. In der Regel fängt man rechts an, macht dann jede Technik 5 Mal, d.h. 3 Mal rechts, 2 Mal links, wodurch bereits ein Ungleichgewicht entsteht. Wenn dann der Trainer noch was zum Korrigieren hat, und das ist häufig der Fall, dann fängt man immer wieder rechts an. So passiert es schnell, dass man dieselbe Technik 50 Mal rechts und 10 Mal links gemacht hat. Kein Wunder, dass mein rechtes Bein etwas verärgert war.

Abhilfe schuf in dem Fall ein ausgedehnter Barfuß-Lauf auf dem Fußballrasen im Stadion mit Lauf-ABC und eine anschließende entspannte Radrunde, sowie ein Kinesiotape und heftiger Blackroll-Einsatz.

Das Laufen ist eine wunderbare Art, den Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Als Fazit merke ich, dass das Karate mehr vom Laufen profitiert als umgekehrt. Das Hirn jedoch profitiert vom Karate-Training ungemein, weil es viel mehr gefordert wird. Für mich – zusätzlich noch gewürzt mit Krafttraining – eine unschlagbare Kombination.

Was sind Eure Sportarten neben dem Laufen? (Es gibt Sportarten neben dem Laufen???) Wenn Interesse besteht, kann ich in einem anderen Post gerne ein bisschen mehr über Karate und das entsprechende Training erzählen.

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11 Kommentare zu “Gasshuku 2015 in Tamm oder: Karate und Laufen – geht das zusammen?

  1. ach wie süß, noch ne gemeinsamkeit außer kater+katzen 😀
    so’n richtiges gasshuku (statt nur wochenendlehrgängen) hab ich nur 2mal mitgemacht, beide in trier, 1982 und 1987, und da war dann auch samstags prüfung, für mich zum 3. bzw. 1. kyu (wir hatten noch 9 damals …) und es war sch***anstrengend, vor allem das zweite wo ich alleine war und älter und in der gruppe die komplett nur aus 2.kyu bestand viele junge leuts feuer&flamme die sich gegenseitig pushten und ich ging auf dem zahnfleisch 😉
    bei mir ist der werdegang allerdings andersrum: karate 1979-ca1994 (und nochmal ein versuch anfang der 2000er) und laufen erst so ab der jahrtausendwende, denn ich finde nicht daß man das immer und überall alleine machen kann, auch wenn ich durchaus schon „kata in der sauna (in gedanken)“ gelaufen bin und real in italienurlauben am strand.
    aber mit studiumsende und job=überstundebeginn waren die hallenzeiten nicht mehr darzustellen.
    ich träume noch davon, in rente wieder anzufangen, weil mir das ganzkörpertraining und sowieso die technik im kopf fehlt.
    ich weiß aber nicht, was meine durchgetretenen mittelfußknochen davon halten würden, so anderthalb stunden barfuß auf dem hallenbode. auf matten geht für mich aber gar nicht (wie auch karate zu musik oder andere neumodische publikumsheischersuchen…) 😦
    zu Deinem satz oben „Verletzungsgefahr durch alles, was man außer Kleidung am Körper trägt“, das ist ganz einfach: die ist NULL weil man NIX anderes trägt, oder man fliegt raus, zumindest wenn ich sensei bin! ok, damit wird die halle leerer, aber – so what? piercings&co gehören NICHT ins dojo! wahrscheinlich ist es gut daß ich mich raushalte 😉 Dir viel spaß weiterhin, halt uns auf dem laufenden, oss!

    • Ich wusste noch, dass wir das gemeinsam haben. 🙂
      9 Kyu-Grade gibt es heute übrigens auch noch. Nur machen viele offenbar gleich die Prüfung zum 8. War bei mir nicht der Fall.
      Das mit der Verletzungsgefahr ist klar: Außer Klamotten hat nix anderes am Körper zu sein. Da habe ich nur das Gegenbild von mir als Läufer mit Garmin, Smartphone und Co im Kopf. 😀
      Was die Trainingszeiten angeht, habe ich leider auch ein ähnliches Problem. Daher war das Jahr über kaum was drin.
      Aber ich denke, du kannst sicher wieder einsteigen. Die Füße lassen sich ja auch wieder auftrainieren.
      OSS!

      • schäm daß ich so vergesslich war …
        wenn das mal alle so sähen mit dem schmuck im dojo, im verein in dem ich dann noch mal versucht hatte ein wenig in der mittel-oberstufe mitzuschwimmen sporadisch, war zwar der trainer technisch gut aber die moral in der hinsicht trotzdem nicht 😦
        nee, an so durchgetretenem mittelfußgebälk zieht sich nix mehr hoch, aber ich werde es zumindest versuchen auszuhalten wenn die zeit es hergibt, würde nur nicht gerne wieder einen mrMorton oder andere probleme heraufbeschwören …

      • 🙂 Kein Problem, man kann sich ja nicht alles merken.
        Ich bin beim Gasshuku auch in einen Ohrstecker getreten (zum Glück nix passiert), der natürlich niemandem gehörte. Manche Leute kapieren es einfach nie…
        Nee, einen Mr. Morton will wohl niemand. Aber vorsichtig und dosiert geht bestimmt. Ich drück Dir die Daumen!

  2. Nach Tamm hätte ich n schönen Longrun legen können. 13km hin + 13km zurück 😉 Wäre bei der Hitze aber wohl nicht so gut gewesen 🙂
    Zur Zeit radle ich noch erstaunlich viel. Also seit Ende Mai etwa 750 Kilometer 😉

  3. Hey,
    Habe auch festgestellt, dass sich diese beiden Sportarten recht gut ergänzen.
    Habe auch mit Goju ryu Karate vor ca. 20 Jahren angefangen und laufe jetzt seit ungefähr 6 Jahren zusätzlich.
    Meine Erfahrung ist allerdings, dass durch den geringen Aufwand und die Möglichkeit es immer und überall praktizieren zu können, das laufen deutlich an, Bedeutung gewonnen hat und das karatetraining etwas in den Hintergrund gedrängt hat.
    Aber ich liebe nach wie vor beide Sportarten und praktiziere sie je nach zeitlichen Möglichkeiten…

    LG Mario

    • Ja, mit geht es da ähnlich. Laufen geht einfach öfter. Ich hab mal bei einem Lehrgang eine Schnupper-Einheit Goju ryu mitgemacht. Ist schon SEHR anders als Shotokan, aber auch interessant.

  4. Du erwähnst es ja, auch Karate ist perfekt für die Körpermitte und sorgt dafür, dass du beim Marathon auch bei km 39 nicht wie ein nasser Sack aussiehst, sondern dich noch halbwegs mit gesunder Haltung bewegst. Mein Sohnemann liebt Karate – mein Ding ist mittlerweile Pilates, allein schon, um den gewaltigen Frauenüberschuss in meiner Vereinsgruppe ein wenig abzumildern 😉 Und Schwimmen tut mir im Sommer sehr gut, gerade an Tagen jenseits der 30 Grad, an denen mir Laufen nur bedingt Spaß machen würde.

    • Oh ja, in der Pilates-Gruppe hast Du da sicher eine große Verantwortung. 😀
      Schwimmen ist auch toll, aber hier immer nicht so einfach zu realisieren mangels echtem Schwimmbecken in der Stadt.

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