Ist der Läufer erst paniert, rennt sich’s gänzlich ungeniert – Strongman Run 2015 in Ferropolis


Dröhnende Beats bringen meinen Brustkorb zum Vibrieren, die gigantische Maschinen-Kulisse von Ferropolis ist bunt angestrahlt. „Ich will alle Hände oben sehen! Noch 3 Minuten bis zum Start!!!“ schallt es von der Bühne, auf die ich – First 50 Startband sei Dank – freie Sicht habe. Gehorsam hüpfe ich mit erhobenen Händen auf und ab. Schließlich stehe ich als Mitglied des Brooks RunHappy-Teams im VIP-Bereich. Vorne überall Kameras, über uns die Filmdrohne. Der RunHappy-Spirit will verbreitet werden. Und ja: Einerseits habe ich ein fettes Grinsen im Gesicht und hüpfe und johle aus vollem Herzen, andererseits fragt sich ein kleiner Teil von mir: „Was hab ich mir da nur angetan?“ und blickt besorgt auf die mit den Hufen scharrenden 2000 anderen Starter hinter uns, die nur durch ein dünnes Absperrband zurückgehalten werden. Die Vision, von ihnen überrannt zu werden, sobald der Startschuss fällt, lässt sich auch mit Hüpfen nicht verdrängen. Es ist mein erster Strongman Run, ich habe keine Ahnung, was da wirklich auf mich zukommt. Klar weiß ich aus der Theorie, wie die Hindernisse aussehen, aber wie sich das live anfühlt, und ob ich dem gewachsen sein werde…

Ein paar Stunden zuvor: Die 600km Autofahrt nach Dessau verläuft völlig stau- und problemlos, ich finde das Hotel, und nach dem Check in werden wir von Bengü und Philipp von der Brooks-Zentrale begrüßt und bekommen unsere Startunterlagen. Bisher nur virtuelle Bekanntschaften werden plötzlich real, neue geschlossen, und es ist, als würden wir uns schon ewig kennen. Laufen verbindet eben. 🙂

Dann haben wir noch Zeit, ein bisschen auf den Hotelzimmern auszuruhen, bevor es ein „Starkmacher-Abendessen“ geben soll. Ich betrachte selig meine „Beute“. Ein Traum wird wahr. 🙂

Starterbeutel

Nach einem kurzen Schläfchen mache ich mich auf den Weg zum „Starkmacher-Mahl“, welches sich jedoch als recht… sagen wir … übersichtlich erweist. Die Brooks-Crew ist geschockt, das freundliche Hotelpersonal schafft jedoch mit ein paar schnell aufgebackenen Flammkuchen noch ein paar zusätzliche Kohlenhydrate herbei. Ich nehme es locker, weil ich einen Haufen Riegel eingepackt habe.

Startnummer

Dann heißt es: Umziehen, Tasche packen, Chip einschnüren, Schuhe zum 125. Mal auf Festigkeit testen, wieder aufschnüren, weil Fuß taub wird… die ganz normale Vor-Wettkampf-Panik. Startnummer anpinnen. Tasche zu. Los.

Auf dem Startgelände macht mich Bengü darauf aufmerksam, dass ich mein Shirt falschrum anhabe. Oh je… 🙄

Ein paar Team-Fotos später wird es langsam dunkel, und Ferropolis erstrahlt in allen Farben. Die Kulisse ist wirklich der Wahnsinn.

Plötzlich steht ein Kamera-Team mit Mikro vor uns und schnappt sich als erstes Carmen, die sich als souverän und schlagfertig erweist. (Leute, Carmen muss man live erlebt haben. Eine so energiegeladene Stimmungskanone trifft man selten. )

Bevor ich so recht weiß, wie, habe ich auch ein Mikro im Gesicht stecken. Äh, was, wie?… blubber… ich höre mich reden und denke dabei „Mann, ist die Alte langweilig!“ Allerdings habe ich es dennoch aufs Video und somit ins Fernsehen geschafft. Lag wohl am Shirt. 😉

Nach dem obligatorischen Klogang – niemand weiß so recht, warum nur die Hälfte der Toiletten geöffnet ist, aber sei’s drum – begeben wir uns dann in den bereits genannten Startbereich. Jetzt gibt es kein Zurück mehr… (hier dramatische Musik einfügen!)

Tja, und da stehe ich nun, und plötzlich läuft der Countdown und ein Feuerwerk ersetzt den Startschuss. Das kann ich allerdings nicht so recht anschauen, da ich zusehe, heil an den Absperrungen vorbei zu kommen und möglichst am Rand zu laufen, um nicht überrannt zu werden. Gefühlt alle 2000 übrigen Starter überholen mich auf den ersten Metern. Aber das ist mir egal. Nur nicht überziehen. Kräfte sparen.

Es ist…dunkel. Und schon gleich die ersten Meter gehen durch Sand. Uaaaah! Das dauert zum Glück nicht lange, und ich kann mich erst mal freilaufen. Die Nervosität verschwindet mit jedem Schritt. Die nützt jetzt eh nix mehr. Leuchten tun vor allem die Läufer, die alle mit Glowsticks ausgestattet wurden, bzw. selber einen Haufen leuchtender Dinge dabei haben. Bei mir leuchtet das Shirt. Der Glowstick funzelt eher.

Bald führt uns der Streckenverlauf auf einen Acker und über eine abgesteckte Wiese. Das wird den größten Teil des Rennens so bleiben. Ein Hindernis ist noch nicht in Sicht. Allerdings erweist sich jetzt schon die Dunkelheit in Kombination mit den Scheinwerfern als größtes Hindernis. Kommt die Beleuchtung nämlich von vorn, sieht man so gut wie gar nix mehr. Da hilft nur Füße heben und auf das Körpergefühl vertrauen. Um mich herum wird kräftig geflucht aber auch geblödelt. Dann sind sie da, die Reifen, das für mich anspruchsvollste Hindernis des ganzen Rennens, denn die Gummi-Gesellen sind schon ganz schön fies und unberechenbar. Auf allen Vieren schaffe ich es ganz gut. Gleich zu Anfang umknicken wär nämlich blöd.

Die viel beschworenen und beschriebenen Wartezeiten an den Hindernissen fallen übrigens gänzlich aus. Wohl auch, weil das Starterfeld mit 2065 Startern – davon 359 Frauen – für einen Strongman Run sehr klein ist.

Ich laufe weiter. Es gilt, ein Netz hochzuklettern. Funktioniert problemlos, auch wenn ich von einem anderen Läufer eine Ladung Schlamm vom Schuh ins Gesicht kriege. Egal. Dann geht es über Strohballen wieder runter, wobei der erste Absprung gefühlt recht tief geht. Hopp! Und Doing, Doing, Boden, weiterlaufen. Ich staune über mich selbst. Ich hab mich früher nie getraut, irgendwo runterzuspringen. Ist das die Midlife-Crisis? Was soll’s, mir gefällt’s! Jihaaaa! Die Nervosität ist endgültig weg, ich habe Spaß. 🙂

Das nächste angekündigte Hindernis entfällt. Überhaupt ist die Strecke kurzfristig auf 9 km pro Runde gekürzt worden. Darüber bin ich jedoch nicht böse. 😉 Es lauert das erste Kriech-Hindernis. Die kleinen netten Stromschlag-Zugaben sind jedoch so weiträumig verteilt, dass ich unbeschadet durchkomme.

Kriechen mögen die Veranstalter des Laufs wohl so gerne, dass sie gleich mehrere Hindernisse dieser Art eingebaut haben. Beim zweiten Kriechhindernis gibt es als Zugabe fetten Matsch. Er riecht… aromatisch. Nun, besser nicht zu viel darüber nachdenken. Total paniert verlasse ich das Hindernis. Mit schlammigen Fingern greife ich an der Verpflegungsstation nach einer Banane. Mmmm… Matsch-Banana!

Die zweite Art Hindernis, die recht häufig vorkommt, besteht aus einem Überseecontainer, der auf verschiedene Arten zu erklettern ist, und über Strohballen springend wieder verlassen wird. Locker-flockig hüpfe, klettere und hocke ich über Strohballen. Es geht leicht! Ich könnte heulen vor Glück. Wer mich von früher kennt, weiß, was das bedeutet.

Kurz vor Ende der ersten Runde geht es durch eine mit Schaum gefüllte „Waschstraße“. Jetzt bin ich nicht nur ein Schlamm- sondern auch noch ein Schaummonster. Ich bin echt gespannt auf die Fotos. 😀

Dann als Nettigkeit noch ein paar Mal die Tribünentreppen rauf und runter – man gönnt sich ja sonst nichts – und anschließend ein paar Meter etwa knietief durch den See, wo ich die Gelegenheit nutze, meine Arme ein bisschen abzuwaschen. Zum krönenden Abschluss erwartet uns eine Wasserrutsche. Schön, dass die Temperaturen mit 18°C geradezu nach Abkühlung schreien.

So. Spätestens jetzt ist alles nass. Verblüfft sehe ich meine Durchgangszeit: 1 Std. 10 min. Und in dem Moment weiß ich, dass ich das Ding auf jeden Fall finishen kann. Das ist so cool! Mit frischer Motivation geht es weiter.

Auf der zweiten Runde fange ich an, einige Läufer einzusammeln, die sich zu Beginn übernommen haben. Auch kommt es um mich rum zunehmend zu Umknick- und Stolper-Zwischenfällen. Dunkelheit und Müdigkeit fordern ihren Preis. Ernstlich verletzt scheint aber niemand zu sein. Auf der abgesteckten Zick-Zack-Wiese kann man immer wieder die anderen Läufer sehen. Irgendwer erspäht einen Kollegen und brüllt „Uwe!!!“ – mit ungeahnten Konsequenzen. Denn das ganze endorphin- und testosterongeschwängerte Feld fängt nun ebenfalls an „UWE!!!“ zu brüllen. „Uwe“ wird der Schlachtruf des Strongmanrun Ferropolis 2015. Vollkommen sinnbefreit und mit total irrem Grinsen brülle ich begeistert mit, als einer der Läufer anfängt mit: „Gebt mir ein U!“ Egal wann, egal wo, „Uwe“ taucht immer wieder auf.

„Weck den Uwe in dir!“

Kurzzeitig lauert hinter der Matschgrube ein Tief auf mich, auch bedingt dadurch, dass mir etwas Dreck unter die Kontaktlinse geraten ist. Das trübt die Stimmung kurzzeitig. Aber ein Tief bei längeren Läufen ist normal. Der beherzte Biss in eine Orange an der Verpflegungsstation sowie das Rausblinzeln des Drecks lösen das Ganze wieder auf.

Nach dem Tief laufe ich locker weiter. Ein bisschen langsamer – das zeigt mir später auch Strava – weil im Feld viele gehen oder auch langsamer werden, und ich weiß, dass ich locker innerhalb des Zeitlimits von 4 Stunden bleiben kann. Und die Platzierung oder Zeit ist mir reichlich schnurz. Kletter, spring, flatsch, kriech, lauf… UWE! Und so kommt irgendwann wieder das Start-Gelände in Sicht. Am Ende der Wasserrutsche erwischt mich eine heftige Welle – Ganzkörpertauchgang. Es wäre eventuell eine gute Idee gewesen, den Mund zuzumachen, statt laut grölend runterzurutschen. Nun ja.

Vollkommen geflasht überquere ich die Ziellinie. Ich hab’s tatsächlich geschafft! Ich verzichte auf das offizielle Siegerfoto vor der Fotowand. Ich will aus den nassen Sachen raus. Denn auch 18°C können dann kalt werden.

Die Duschen suche ich erst gar nicht. Ich reibe mich mit einem Handtuch provisorisch ab, die Wechselklamotten müssen eh auch in die Wäsche, und ziehe mich mehr oder weniger diskret um. Beim Anblick derartig vieler entblößter Männer-Hintern sollte das nun auch egal sein. Ein großer Teil des Teams ist auch am Brooks-Stand. Allerdings schaut jeder, dass er jetzt ein Finisher-Shirt kriegt, den Chip abgibt, und ins Hotel kommt.

Hier gibt es das einzige kleine Ärgernis des ansonsten wirklich wunderbaren Events: Die Shuttle-Busse zu den Parkplätzen halten vollkommen unlogisch – mal ganz vorne, mal ganz hinten – so dass ich insgesamt 5 Busse ziehen lassen muss, bis ich mich in einen reinquetschen kann. Zwar habe ich ein paar nette Leidensgenossen, aber da kommt dann doch etwas Frust auf. Ein oder zwei Busse mehr wären sicher auch kein Fehler gewesen.

Dann noch Panik auf dem Parkplatz, weil ich mein Auto eine ganze Weile nicht finden kann. Nach sicher 10 Minuten des Herumirrens mit der schweren Tasche mit den nassen Klamotten erblicke ich es endlich. Die Fahrt zum Hotel zieht sich auch, aber dann habe ich sie: Die Dusche! Und das Bett.

Ein Paar Danksagungen möchte ich noch loswerden:

Danke an Brooks, dafür, dass ich als Ambassador of RunHappy hier mitmachen durfte!

Danke an das ganze RunHappy-Team! Ihr habt für großartige Stimmung gesorgt! Es war eine Ehre, mit Euch zu laufen.

Danke an Carmen für ihre Tips und ihre unkaputtbare gute Laune!

Danke an Alf (marathonmann.de) für die wunderbaren Fotos und seine nette Art!

Danke an Thorsten für das nette Fachsimplen übers Bloggen. 🙂 Das hat die Wartezeit auf den Start deutlich verkürzt.

Danke dem netten Unbekannten, der mir mit seiner Entschlossenheit in den Shuttlebus geholfen hat.

Danke meiner besseren Hälfte und allen, die mich mit Motivation und Unterstützung versorgt haben, und da gehören meine treuen kommentierenden Leser auch dazu.

Finisher

P.S. Heute hab ich eine kleine regenerative Runde im Finishershirt gedreht – und fühlte mich unbesiegbar. 😉

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21 Kommentare zu “Ist der Läufer erst paniert, rennt sich’s gänzlich ungeniert – Strongman Run 2015 in Ferropolis

  1. Yeah, sie ist unbesiegbar. Sehr klasse, sehr klasse.

    Das liest sich nach Anstrengung aber hauptsächlich nach ner Menge Spaß. Und ich finds klasse, Dich mal reden gehört zu haben. Netter Akzent. 🙂 Und überhaupt nicht langweilig sondern man merkt den Adrenalin in Dir.

    Gute Regeneration und noch ne ganze Menge Nachfreude!!

    Anja

  2. Pingback: Fisherman’s Friend Strongmanrun Ferropolis 2015 – Easy Peasy im RunHappy Team | schlechteswettergibtesnicht

  3. Ich war auch da. Die „Uwe“ Rufe wirklich lustig. Gut geschriebener Bericht. Bin auch die 1. Runde in 1:10 h gelaufen und konnte die 2. Runde noch ein wenig zulegen. Überlege noch in Wacken zu starten. 😀

    • Danke! Dann haben wir uns sicher gesehen. Hattest Du was Auffälliges an?
      Ja, Uwe hat gerockt. 😀
      Wacken ist sicher auch nicht schlecht, aber für mich doch zu weit weg. Nürburgring ist allerdings fest geplant.

  4. Genial, dass alles so gut geklappt hat und du soviel Spass hattest. Herzlichen Glückwunsch zu dem starken Finish!
    Was ich allerdings noch Fragen muss – wie ging es denn auf die Container rauf? (Vorm runterhüpfen bin ich ja nicht bang, aber vorm hochhangeln an glitschigen Wänden und Tauen schon.)

    • Danke!
      Auf die Container rauf ging es auf verschiedene Arten. Das Kletternetz war eine davon, allerdings war es nicht glitschig. Es gab auch eine Art Sprossenwand und eine Schrägwand mit Latten, auf denen man sich abstützen konnte. Da hätten laut Beschreibung Seile sein sollen, waren aber nicht. Ging aber auch gut ohne.
      Du kannst Dir die Hindernisse auf strongmanrun.de anschauen. Allerdings waren sie zum Teil nicht 100% wie beschrieben, aber im Großen und Ganzen schon.

  5. Pingback: Altes Jahr, neues Jahr… Hallo 2016! | laufkater

  6. Pingback: (unfreiwillig) Rookie und trotzdem happy – Strongmanrun Nürburgring 2016 | laufkater

  7. Pingback: Es war ’ne geile Zeit – ein Dankblog an Brooks und das Team | laufkater

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