Laufverletzung – und nun?


Der Läufer an sich ist nicht gerne verletzt. Der Läufer an sich möchte lieber laufen. Und wenn er schon verletzt ist, dann möchte er aber bitte möglichst schnell wieder laufen. Spezialschuhe, Wunderpillen, Superfood – nur her damit! Eins hat der Läufer an sich nicht: Geduld. Und eines möchte er auf keinen Fall hören: „Sieh es doch positiv! Jetzt hast Du endlich mal Zeit für… (hier Aktivität nach Wahl einfügen).“

Dennoch nützt zumindest die erste Hälfte dieser Aussage eventuell etwas, denn durch rumjammern wird es schließlich auch nicht besser. Aber ein bisschen rumjammern muss erlaubt sein. Und danach ist es an der Zeit, positiv zu denken, und zu tun, was man eben gerade kann.

Schuhregal.jpg

Wir haben Zwangsurlaub. 😦

Die meisten Läufer, die schon verletzt waren, werden die Phasen kennen, die man bei einer Verletzung so durchläuft:

  1. Ignorieren und weiter laufen. Typische Sätze: „Das wird durch einen kleinen Lauf sicher besser.“ oder “ Was einen nicht umbringt…“
  2. Langsam realisieren, dass da wohl doch was schief läuft. Typische Sätze: „Mm, mal ein oder zwei Tage Pause, dann wird das schon.“ oder: „Ich glaube, ich brauche neue Schuhe.“
  3. Selbstdiagnose mit Google. Typische Sätze: „Ich hab das mal gegooglet, und es kann x nicht sein, weil…“ oder „Rein statistisch gesehen, kann ich y eher nicht haben.“
  4. In diversen Laufforen forschen. Typische Sätze: „Also der x, der scheint was ganz Ähnliches zu haben, und der ist damit ’nen Ultra gelaufen, und dann war’s weg.“
  5. Zum Arzt gehen
  6. Im dümmsten Fall zu weiteren Ärzten gehen.
  7. Hoffen, dass sich der Arzt geirrt hat.
  8. Sich ins Unvermeidliche fügen.
  9. Deprimiert sein.

In Phase 10 wird es jetzt interessant, denn hier unterscheiden sich die Geister schon in ihrer Herangehensweise. Man kann jetzt entweder Schuldzuweisung oder Ursachenforschung betreiben.

Schuldzuweisung ist allerdings nur selten sinnvoll, denn in der Regel führt sie nicht weiter, es sei denn, man wurde über den Haufen gefahren.

Dennoch ist sie zunächst mal der bequemere Weg, weil man sich ansonsten ja eingestehen müsste, dass man vermutlich selbst nicht ganz unschuldig ist. Dennoch hört man immer wieder in Läuferkreisen Sätze wie „Die blöden Schuhe von x (hier Hass-Hersteller nach Wahl einfügen) haben mir das eingebrockt!“ Nicht umsonst hat z.B. Vibram eine ganze Klagewelle von Läufern über sich ergehen lassen müssen, weil sich diese in den Barfußschuhen diverse Wehwehchen zugezogen haben. (Quelle: klick!)  Ich möchte mich hier nicht weiter in die Materie vertiefen, aber wir alle wissen, dass nicht jeder Schuh für jeden Läufer gemacht ist, und dass es eventuell auch eine blöde Idee ist, frisch von der Lektüre von „Born to Run“ beseelt mal eben einen 30er in den brandneuen Barfußschuhen zu laufen.

Bei der Ursachenforschung wird es dann interessant und auch meist kompliziert. Denn die wenigsten Laufverletzungen entstehen spontan und mit klarer Ursache. Ok, wenn der Läufer im Wald blöd auf eine unter Laub nicht sichtbare Wurzel tritt, umknickt und sich ein Band abreißt, ist die Ursache relativ klar. Wenn wir mal davon ausgehen, dass der Baum nicht spontan seinen Standort geändert hat, um dem Läufer ein Bein zu stellen, dann hat sich das mit der Schuldzuweisung auch gleich erledigt. In dem Fall ist es einfach Pech.

Ganz anders sieht es mit typischen Überlastungsverletzungen aus. Hier ist die Ursache oft unklar, oder es sind viele Faktoren beteiligt. Aber gerade hier sollte man gründlich sein, denn nur so lässt sich ein ähnliches Problem in der Zukunft vermeiden.

So, jetzt mal weg vom allgemeinen Bla-Bla, und hin zu einem konkreten Studienobjekt, nämlich mir. Ein Fersensporn entsteht nicht über Nacht, eine Plantarfasziitis auch nicht. Welche Faktoren haben dazu beigetragen?

Ich schließe jetzt erst mal die aus, die zwar häufig genannt werden, aber auf mich nicht zutreffen:

  • Übergewicht – nope
  • Über 50 – nö
  • schwach ausgeprägte Wadenmuskulatur – nein
  • heftige Fußfehlstellung – ebenfalls nein
  • zu schnelles Steigern des Trainingsumfangs – ich denke, nein.

Ok, dann schauen wir mal die Faktoren an, die es sein könnten, auch wenn das eventuell schmerzlich ist.

  • Laufstil: Durchaus möglich. Wenn ich auch kein extremer Fersenläufer bin, so hat mir doch das Lauftechniktraining mit Trainer einige Baustellen offenbart. Leider habe ich damit erst nach dem Marathon begonnen, und auch erst, als ich schon Beschwerden hatte.
  • Schuhe: Vielleicht. Ich möchte nicht ganz ausschließen, dass ich in meiner Euphorie über die vielen Testmodelle zu schnell zu viel in unbekannten Tretern gelaufen bin. Warum erst mal ein vorsichtiger Testkilometer, wenn es auch gleich 10 sein können? Da waren auch ein paar Schuhe dabei, die dem Fuß für mich ungewohnt wenig Unterstützung bieten. Nicht die Schuhe an sich sind Schuld, sondern mein unvorsichtiger Umgang damit.
  • Streaken: Trotz des gesteigerten Umfangs der einzelnen Läufe, die im Trainingsplan standen, bin ich nahezu täglich gelaufen – auch an Ruhetagen. Das waren dann zwar kürzere Strecken, aber dennoch… Mag sein, dass mein System das verübelt hat.
  • Warnzeichen ignoriert. Es ist ja normal, dass es in der Marathonvorbereitung mal zwickt, oder? Wobei man zu meiner Verteidigung sagen muss, dass die Warnzeichen sehr diffus waren, und sich mit Hausmittelchen wie Dehnen und Blackroll auch recht schnell verflüchtigt haben.
  • Auto fahren: Ich bin Pendler und verbringe daher täglich mindestens 90 Min. in der Blechkiste, wobei mein rechter Fuß hauptsächlich auf der Ferse steht. Könnte schon sein, dass der Fersensporn rechts so begünstigt wurde.
  • Keine Zwangspause: In letzter Zeit bin ich mit guter Gesundheit gesegnet, und musste daher mein Training das letzte halbe Jahr nicht infektbedingt unterbrechen. Was ja an und für sich eine super Sache ist, könnte gleichzeitig für meinen Fuß blöd gewesen sein.
  • Veranlagung: Ähnlich wie der Kettenraucher, der weit über 90 wird, so wird es sicher auch einen übergewichtigen, in falschen Schuhen streakenden Läufer geben, der nie verletzt ist. Ein bisschen Pech gehört auch dazu.

Vermutlich sind es all die genannten Faktoren zusammen und noch 2 oder 3 mehr, die mir bisher nicht aufgegangen sind.

Und nun? Jetzt ist es an der Zeit positiv zu denken und aktiv zu werden .

Einiges davon kann ich ändern, wenn die Entzündung ausgeheilt ist: Ich kann an meinem Laufstil weiter arbeiten. Ich kann bewusst mehr Laufpausen in Form von Alternativtraining machen, und das Repertoire dafür mir jetzt erarbeiten (Radfahren, Aquajogging, Schwimmen…) Außerdem kann ich sensibler mit Warnzeichen umgehen.

Vermutlich reicht es schon, einen Teil der begünstigenden Faktoren auszuschalten, um die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Verletzung zu minimieren.

Ich werde dem Thema sicher noch einige Beiträge widmen, in denen es um mein Alternativ-Programm, und hoffentlich auch um einen schnellen Heilungsprozess geht. Vielleicht hilft es ja jemandem in ähnlicher Situation. Und wenn jemand Tipps für mich hat: Immer her damit!

Bleibt gesund und runhappy! Auf ein verletzungsfreies 2016!

 

 

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21 Kommentare zu “Laufverletzung – und nun?

  1. Ja, das kommt einem echt bekannt vor.
    Geduld? Fehlanzeige. Da wird in die Kiste mit den Tapes gegriffen, bandagiert und mal lieber etwas langsamer gemacht, aber Hauptsache, nur keine Pause.

    Zumindest eines lernt man dadurch (zumindest ich), anpassen! Dann klappt es auch leichter.

      • Ach, wer braucht schon Geduld? *G*

        Abbau erfolgt viel zu schnell, leider. Aber das allein ist es nicht einmal. Ich hatte bis weit nach 20 echt Probleme damit Sport zu machen, dann traf ich meinen jetzigen Partner. Tja, dann war es vorbei mit „Sport ist Mord“. Es macht Spaß sich zu bewegen und zu trainieren. Das frustet dann auch emotional, wenn mal nichts geht.

        Da hilft dann nur noch – variieren, sonst drehst durch.

        Viel Glück, dass du keine erzwungene Pause mehr brauchst.

  2. Wie jetzt? Geduld? Wer hat dir sowas erzählt …

    Wünsche jedenfalls eine so rasche Genesung, dass zumindest teilweise an ein Lauf-Comeback zu denken ist.

    Und dann unbedingt diesen Text mit der sehr gründlichen Handlungsanleitung wieder zur Hand nehmen!

  3. Tipps hab ich nicht auf Lager – ich bräuchte selbst eher welche. 😉 Kann nur sagen, dass das mit der Geduld irgendwann wird. Zumindest bei mir. Gruß! Anja.. seit fast 1 Jahr außer Gefecht und noch kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

    • Oje, das kenne ich. Bei so einer Verletzung ist man ganz schön gefrustet. Da wünsche ich Dir viel Geduld beim Auskurieren. Zum Glück bin ich seit 1 1/2 Jahren verletzungsfrei, aber davor bin ich jedes Jahr so 2-3 Monate ausgefallen. Das war immer schrecklich. Jedem Läufer/Läuferin habe ich neidisch hinterher geschaut. Hoffentlich gehts Dir bald besser👍👍👍

    • Fast ein Jahr schon… oh Mann! Ich hoffe wirklich, dass es wieder wird. Ich vermisse Deine Laufberichte, auch wenn ich deine anderen Beiträge auch gerne lese. Es ist aber einfach irgendwie nicht dasselbe. Fühl dich gedrückt!

  4. Guter Artikel, ich hab mich im letzten Jahr auch verdammt viel mit Verletzungen herumschlagen müssen, dementsprechend kann ich noch ein paar Punkte hinzufügen:
    Für die Ursachenforschung ganz wichtig: Mangelerscheinungen? (Vitamin D, Eisen?), Ernährung insgesamt, Hormonelle Störungen, Stress, mangelnde Ruhephasen, Übertraining, ….
    Und für das Management von Sportverletzungen hab ich ein paar Artikel auf dem Blog 😀
    http://www.laufvernarrt.de/2015/10/29/wie-man-eine-lauf-sportpause-uebersteht-ohne-durchzudrehen/
    http://www.laufvernarrt.de/2015/11/26/wiedereinstieg-nach-einer-verletzungspause/

    Dir eine gute Besserung 🙂

  5. Ich habe solche Verletzungen durch Überlastung (wenn das denn die Ursache ist) zuletzt als Zeichen des Körpers angesehen, dass es jetzt mal gut ist mit dem Laufen und dass ich mal etwas anderes machen sollte. Deine Ausdauer kannst zu z.B. mit Schwimmen oder Radfahren wunderbar konservieren, vielleicht geht auch Skilanglauf, wenn denn mal Schnee fällt (in deiner Gegend sicher eher als bei uns im drögen Norden). Wenn du dann wieder mit dem Laufen beginnst, wirst du ganz schnell wieder auf deinem alten Level sein und eine neue Motivation spüren. Du solltest dir vielleicht nur nicht in den nächsten Monaten einen Marathon vornehmen.

    • Ja, das stimmt, das mache ich auch alles. Mit Langlauf ist leider mangels Schnee gerade nix, aber das kann sich ja noch ändern. Mmm… Marathon im Juni wär schon schön…

  6. Zwangspausen bieten Raum für Neues und erweitern den sportlichen Horizont. Man ist gezwungen sich nach Alternativen umzusehen. Mich hat es immer weiter gebracht, egal wie schlimm es auch war – es geht einfach immer weiter und man kann dadurch immer mehr auf- und ausbauen, auch wenn es erstmal nicht so scheint. Das lehrt einem auch Biss und trennt die läuferische Spreu vom Weizen. Aufgeben kann jeder, aber so schätze ich dich nicht ein 🙂

    • Nee, aufgeben tue ich sicher nicht. Die Alternativen machen ja auch durchaus Spaß, vor allem das MTB. 🙂 Das mit dem sportlichen Horizont stimmt schon. Auch dass ich mal wieder sportlich schwimme ist irgendwie schön. 🙂

  7. Würde gerne bei der Ursachenforschung den Punkt 3 „schwach ausgeprägte Wadenmuskulatur“ prüfen. Kannst Du mal ein Selfi Deiner Wade posten?

  8. Pingback: Kampf der Plantarfasziitis – der aktuelle Stand | laufkater

  9. Hab ich das tatsächlich noch gar nicht kommentiert? Unfassbar … ich schwanke permanent zwischen Phase 9 und 10 😦
    Bin seit Mitte Dezember keinen Kilometer mehr gelaufen.
    Habe 2 Mal Hyaluroninjektion bekommen, die Fasciitis ist angeblich ausgeheit, hatte dann 6mal Physio zur Moblilisierung des Fußes und der Physio meinte da sei doch alles schon mobil und prima („gehen Sie viel barfuß“ – Kunststück als Vollzeitberufstätige … aber ich schweife ab) aber ich habe immer wieder (täglich, bei fast jedem Schritt, auch nach der üblichen morgentlichen Anfangsan“lauf“zeit) Schmerzen in Ferse und vor allem seitlich unter dem Knöchel, angeblich die Kapsel – nächste Termin 4.4. (Cortisoninkeltion?) argggggGGGGGHHHHH
    Schwester im Geiste: wir müssen es schaffen! Das über Wasser halten mental und dann das wieder Laufen können !!!

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