Reif für die (Gemüse-)Insel – der Halbmarathon 2015 auf der Reichenau


„Das ist die erste, die lacht!“ höre ich eine Dame zu ihrem Mann sagen, als ich an ihnen vorbeilaufe, und ihnen als Dank für ihre Anfeuerung ein Lächeln und einen erhobenen Daumen schenke. Da bin ich schon bei KM 15 oder so. Und ja, ich lächle. 🙂 Das fällt offenbar auf, denn hier wird nicht zum Spaß gelaufen. Hier auf der Insel geht’s ums Ganze. Nicht für mich, denn eigentlich ist dieser Halbmarathon-Start mehr durch Zufall entstanden, weil genau an dem Tag 21 km im Trainingsplan standen, und ich beim Durchblättern irgendeines Laufkalenders auf den Lauf auf der Reichenau stieß.

Da liegt es doch irgendwie nahe, in die alte Heimat zu fahren, und statt einsamem Longrun einen hübschen Lauf mit Gleichgesinnten anzutreten.

Ich parke das Auto auf dem ausgeschilderten Lauf-Parkplatz am Hafen, und muss erst mal feststellen, dass hier 3 Euronen Parkgebühr fällig werden, die aber das Zeitfenster für meinen Lauf gar nicht abdecken. Mehr zahlen als für 3 Stunden geht nicht. Ich hoffe auf die Gnade der Ordnungshüter.

Komplett orientierungslos socke ich einfach den nächstbesten Leuten mit Sporttaschen und Laufklamotten hinterher. Es ist ein ganz schönes Stück zum Stadion. Nehmen wir das mal als Einlaufen.

Das hier nicht gerade der Bär steppt, hatte ich mir schon gedacht. Dass so wenig los sein würde, eher weniger.

Stadion am See
Stadion

Die Organisation ist sehr pragmatisch. Die Hälfte der Halle hat man mit großen Weichboden-Matten und Barren als Herren-Umkleide abgeteilt, die Damen bekommen den Gymnastikboden. Eigentlich ganz cool, weil sich in der winzigen offiziellen Umkleide bestimmt bald allzu große menschliche Nähe ausgebreitet hätte. Draußen gibt es Bewirtung, hinter der Halle die Startnummern. Passt.

Mir wird langsam klar, dass hier nicht mit einem Fun-Run zu rechnen ist. Es gibt die Bambini- und Schüler-Läufe und noch einen 10km-Lauf. Teilweise kommen die Teilnehmerinnen des 10ers 3 Minuten vor Startschuss mit entschlossener Miene in die Umkleide, reißen sich das Outfit vom Leib, reißen den Lauf-Dress drüber, ohne dabei auf eventuell resultierende modische Katastrophen zu achten, pinnen im Rausgehen die Startnummer an den hauchdünnen Leib, und sind schon wieder weg.

Oha.

So was wie einen Starterbeutel oder eine offizielle Garderobe sucht man auch vergebens, geschweige denn, einen Goodie-Bag. Aber gut. Mit 15 € bietet der Lauf eben genau das: Einen Lauf. Mehr muss nicht. Und mehr wollen die hier startenden Läufer wohl auch gar nicht. Firmenteam-Shirts oder Charity-Shirts sucht man hier vergeblich.

Mit 50 Frauen und 132 Männern ist das Starterfeld für den Halbmarathon sehr übersichtlich. Ach ja, der Start. Wo ist der eigentlich?

Der typische Startbogen existiert nicht. Irgendwo im Stadion muss es aber wohl losgehen. Der Start ist geheim.

Bei Einlaufen entdecke ich schließlich ein diskretes in den Boden gestecktes Schildchen. Ah. Hier also. Zwei Minuten vor Beginn reihe ich mich wie immer hinten ein, und die Helfer tragen das transportable Start-Transparent auf die Strecke. Cool eigentlich. So kann der Startpunkt je nach Streckenlänge variabel gesetzt werden.

Startfoto Startaufstellung

Mit „Auf die Plätze“ und „Peng“ geht es dann auch schon los. Keine Musik, kein Countdown, keine Stimmungsmache. Sehr puristisch und pragmatisch. Aber das ist ok. Besser so als Mords-Party und keine Verpflegung auf der Strecke oder Ähnliches.

Es beginnt mit einer Stadionrunde, um dann auf den ca. 7km langen Rundkurs um die Insel zu gehen, der – wir ahnen es – 3 Mal zu laufen ist. Ich finde es nett, dass die Stadionrunde zu Beginn zu absolvieren ist und nicht am Ende liegt. Nichts ätzender, als kurz vor Schluss noch einmal ums Ziel laufen zu müssen. Runningcoach hat mir eine 6:33 Pace vorgeschrieben. Und daran halte ich mich auch. Und… bin bald allein. Jo…

Da der Lauf gleich zu Beginn mit einer Steigung dient, kann ich 1 oder 2 Läufer klarmachen. Berge sind mein Freund. 🙂 Aber der Rest verschwindet unaufhaltsam am Horizont. Na mal sehen. Zur Not laufe ich jetzt halt 21 km allein rum.

Die Strecke ist wellig und durchgehend asphaltiert. Letzteres finde ich persönlich zwar nicht so toll, aber die Transcend erweisen sich in dem Fall als gute Wahl.

Ein Birnbaum bietet mir eine Erfrischung an, indem er mir eine Birne vor die Füße klatscht. Ich finde das sehr zuvorkommend, versichere ihm aber, dass ich bei KM 2 noch nicht wirklich Bedarf für eine Birne habe. Da die Strecke weitgehend zuschauerbefreit ist, hoffe ich auf hübsche Landschaft. Das am See gelegene Stadion lässt da ja schon mal hoffen.Seeblick

Leider führt die Strecke aber eigentlich nie direkt am See lang, sondern durch Wohngebiete und an Unmengen von Gemüsefeldern und Gewächshäusern vorbei. Aber auch an traumhaften Gärten und Blumenfeldern. Dank des Bodensee-Klimas ist hier auch im Herbst die Vegetation noch üppig. Ich freue mich an den Blumen und sauge mich langsam an eine Läuferin heran, die zur Arktis-Expedition ausgestattet ist. Mit ca. 16-18°C und leicht bedecktem Himmel ist das Wetter eigentlich ideal. Wenn man dann lange Tights und einen Windbreaker anzieht, ist das eventuell keine so gute Idee. Die Dame leidet sichtlich. Aufmuntern kann ich sie nicht, weil sie sich verkabelt hat und stur geradeaus blickt. Nun, dann lasse ich sie halt in Ruhe.

Die Strecke ist sehr gut ausgeschildert, so dass ich auch ohne Feld nicht Gefahr laufe, mich zu verirren.

Ich überhole ein Pärchen, das sich anschließend über mein RunHappy-Shirt unterhält, allerdings nicht geneigt ist, mit mir zu reden. Überhaupt fehlt mir irgendwie das nette Geplänkel auf der Strecke. Es ist eine einsame Angelegenheit. Dennoch bin ich happy. Ich halte meine Pace. Fuß und Knie machen mit. Ich konzentriere mich darauf, kleine Schritte zu machen, und das zahlt sich aus. Ich schaue Blumen an und lächle die Streckenposten, die Helfer an den Verpflegungspunkten und die wenigen Zuschauer an. Alles gut.

Die Verpflegung ist sehr gut organisiert. Es gibt Wasser und Iso, an einem Punkt sogar warmen Tee, den ich dankbar annehme. Mein Magen freut sich. Nette Mädchen halten sogar Schwämme zum Abkühlen bereit. Ein enthusiastischer Junge sprintet sogar ein paar Meter auf mich zu, um meinen Getränkewunsch zu erfragen und mir anschließend den Becher persönlich zu bringen. Das nenne ich Service!

Die Streckenposten sperren für jeden Läufer kurzzeitig die Straße und machen dabei einen super Job, und haben auch für jeden ein freundliches Lächeln. Ansonsten herrscht aber durchaus Verkehr auf der Strecke, und ich bin froh, mich für das grelle Shirt entschieden zu haben. Nicht nur wegen des Mottos und der guten Erinnerungen an den Strongman. Ich bin mir zumindest sicher, dass man mich kaum übersehen kann. Schlimmer als die durchaus rücksichtsvollen Autofahrer sind jedoch die Radfahrer, die teilweise überhaupt nicht einsehen, dass ihnen gerade nicht die Straße gehört. Eine Dame zwingt mich fast dazu, in ein Gebüsch zu rennen, weil sie keinen Meter von ihrer Fahrbahn abweichen will.

Nachdem ich einen schlacksigen Läufer am Berg eingesammelt habe, höre ich hinter mir plötzlich ein „Miiiiiiiiiiiiiep!“ Was ist das? Überholt gleich der Roadrunner? „Wheeeeeeeee… Fireeeeeeeeee!……… Oooooooooh“ tönt es im Freddy-Mercury-Falsett hinter mir, und tatsächlich ist das mein Mitläufer, der lautstark und eben im Falsett zur Beschallung aus seinen Kopfhörern mitsingt. Ganz großes Kino! Ich drehe mich um und schenke ihm ein Grinsen und ein „Daumen hoch“. Er grinst ebenfalls. Na wenigstens einer. Singend setzt er zum Zwischenspurt an, wobei ihm aber nach ein paar 100m die Luft ausgeht. Als ich ihn das nächste Mal überhole, lacht er sich gerade schlapp. Er muss wirklich eine Hammer-Playlist im Ohr haben. Leider treffe ich ihn nicht wieder. Schade. Hoher Unterhaltungswert!

Noch ein paar wenige Läufer kann ich einsammeln, werde aber natürlich auch von den Führenden überrundet. Damit hatte ich gerechnet. Schade nur, dass sie so gar nichts für meine Anfeuerungsrufe übrig haben. BIN ICH DENN DIE EINZIGE, DIE HIER SPASS HAT???

Auf der letzten Runde geht mein Puls dann doch wieder deutlich nach oben. Jedoch fühle ich mich bis KM 19 ziemlich fit. Die letzten 2 Km sitzen einfach im Kopf. Bei KM 20 hole ich noch eine Läuferin ein, die lange Zeit vor mir unterwegs war. Sie erzählt mir, dass es ihr erster HM sei. Hut ab! Ich meine, dass sie jetzt so lange vor mir gelaufen ist, und dass es echt mies von mir wäre, sie jetzt zu überholen. Sie kämpft, vor allem mit schmerzenden Oberschenkeln. Ich ziehe sie ins Ziel, in das wir gemeinsam einlaufen. Sie strahlt und wird von ihrem Partner in Empfang genommen. Klasse gemacht!

Und auch ich bin happy über meine handgestoppte neue PB!

Zeit

In den Ergebnislisten steht eine 2:19:15, weil nur Brutto-Zeitmessung vorgenommen wurde. Aber das ist mir nun wirklich reichlich egal. Dass ich damit Platz 44 von 50 Frauen belege, war bei diesem Starterfeld nicht anders zu erwarten. Das ist völlig in Ordnung. Fuß und Knie haben gehalten, ich war genau auf Pace-Kurs. Was will man mehr?

Ach ja. Kuchen!

Kuchen ist leider aus. Aber die Jugendabteilung des SV Reichenau macht immerhin noch Crêpes, und so gibt es eben einen PB-Nutella-Crêpe.

Crêpe

Geschafft aber glücklich verfolge ich die Siegerehrung, bei der die Sieger des HM mit Gemüse aufgewogen werden. Ein echt cooler Preis – vorausgesetzt, man hat einen großen Vorratskeller oder Freundeskreis. 😉

Platt und glücklich

Das war jetzt der letzte Test vor dem großen Tag X! Ich glaube, ich kann zuversichtlich auf den Marathon schauen. Ich habe den Lauf auch gut weggesteckt und heute kaum Beschwerden. Bis auf meinen Motz-Fuß, aber der kriegt jetzt Pause bis zum 30er am Wochenende.

Mein Fazit zu dem Lauf:

  • sehr gute Organisation, die sich auf das Kerngeschäft beschränkt
  • sehr familiäre Atmosphäre
  • ehrgeiziges Starterfeld
  • coole Preise
  • durchgehend asphaltierte wellige Strecke, vorbildlich beschildert

Wer einfach einen offiziell vermessenen gut organisierten HM mitnehmen möchte, wird hier sicher glücklich. Wer sich ein Rahmenprogramm oder jubelnde Zuschauer erhofft, hat ein bisschen Pech gehabt.

Ich kann mir aber durchaus vorstellen, hier noch einmal zu starten.

Vielen Dank an alle Helfer!

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16 Kommentare zu “Reif für die (Gemüse-)Insel – der Halbmarathon 2015 auf der Reichenau

  1. Na siehste, da kannst Du ja wieder optimistisch sein. Hört sich schon ganz anders an. Und ansonsten.. Glückwunsch zur PB. Das in einem Umfeld, in dem man nicht vom Feld oder den Zuschauern mitgezogen wird, ist noch mal besonders zu bemerken.

  2. Gut gemacht! Nun steht dem Bräunlinger Ereignis mit dem ersten Marathon ja nichts mehr im Wege (hoffentlich). Ich werde unsere Dirigentin da anfeuern oder im Ziel als Sprecher begrüßen

  3. Du hast selbst Spaß gehabt und noch ein paar Leuten für einen Moment Freude bereitet – was willst du mehr? Super Einstellung, von der sich viele Leute eine ganz dicke Scheibe abschneiden können.

    • Danke! Ich denke, ohne Spaß kann man’s doch einfach gleich lassen. Dann kann man auch alleine mit seiner GPS-Uhr durch die Landschaft pflügen. Meine Motivation, bei Wettkämpfen mitzulaufen, ist vor allem der Spaß, der dadurch entsteht, wenn man sich mit einem Haufen gleich bekloppter zusammenschließt. Klar ist dann so eine PB auch was Schönes, aber das Strahlen der „Ersttäterin“ als sie über die Ziellinie lief, war mindestens genau so schön. 🙂

    • Danke! Spaß kann es auch machen – mir zumindest – einfach das Gefühl zu genießen, dass es läuft. Da braucht man dann auch nicht unbedingt Zuschauer oder kommunikative Mitstreiter. Mit ist es jedoch noch ein ganzes Stück spaßiger. Das muss ich zugeben.

  4. Na da hast du dich ja schon wieder mühelos enorm verbessert – das lässt doch nur Gutes für den Marathon vermuten. Herzlichen Glückwunsch zur PB! Darauf einen grossen Salat!
    Und ja Spass habeng gehört für mich einfach dazu. Kann ich ja verstehen, dass da kaum einer zuschauen mag, wenn da niemand lacht auf der Insel 😉

    • Danke sehr! 🙂 Naja, „mühelos“, ich weiß nicht, hängt ja schon ganz schön viel Training drin. Aber spezifisches HM-Training war keines dabei. Da ist das schon ziemlich cool, ja. 🙂 Ich hoffe, der Salat hat geschmeckt! Und ohne Spaß geht sowieso gar nichts!

      • Natürlich hast du trainiert! Mit mühelos meinte ich eher den HM selbst – las sich unicht so als hättest du dich sehr quälen müssen für die PB sondern als wäre die Form einfach so dagewesen nach all dem Training :).

  5. Glückwunsch zur neuen Bestzeit bei diesem Lauf! Und wenigstens eine, die etwas Run-Happy-Spirit bei diesem Wettkampf verbreitet hat 🙂

  6. Pingback: Mein erster 30er – und ich lebe noch… | laufkater

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