Befrei dich vom Wettkampfdruck!


Diese Aussage habe ich schon oft gehört. Erst kürzlich wieder im Zusammenhang mit dem Zielschluss beim Aesculap-Halbmarathon. Alle Menschen, die das zu mir sagen, meinen es gut, haben nur das Beste für mich im Sinn, sind erfahrene Läufer und wissen, wovon sie sprechen. Ich respektiere diese Menschen. Ich respektiere ihre Meinung. Ich komme nur mit dieser Aussage nicht ganz so klar. Ich glaube, ich muss dazu mal etwas weiter ausholen und ihr einen eigenen Blogbeitrag widmen.

Zunächst stellt sich mir die Frage: Wie kann ich mich von etwas befreien, was ich gar nicht habe? Und warum?

Ich kann mich von gesellschaftlichen Konventionen befreien. Z.B. kann ich mit meinem Kater spazieren gehen, was mir sicher schon mehr als einen verwunderten Blick eingebracht hat und auch schon mehr als einen blöden oder auch interessierten Kommentar. Ok, eine Katze an der Leine spazieren zu führen, bzw. von ihr spazieren geführt zu werden, ist jetzt vielleicht nicht DIE Revolution gegen etablierte Verhaltensweisen, aber es ist zumindest ein kleines Stück von „Gegen den Strom schwimmen“ und ich bin mir bewusst, dass ich etwas tue, was ganz viele Menschen, die ihr Leben mit Katzen teilen, eben nicht tun. Also ist in mir drin irgendwo ein kleiner Teil, der sagt: „Was du da tust ist nicht unbedingt Mainstream.“ Dafür braucht es bei mir aber irgendwo eine Vorstellung, was denn die allgemein anerkannte Norm ist.

Ich habe durchaus eine Vorstellung davon, was Wettkampfdruck ist. Für mich bedeutet Wettkampfdruck, unter Aufbietung aller mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten alle anderen Mitwettbewerber hinter mir zu lassen. Oder zumindest so weit vorne zu landen, dass mir einer der begehrten Plätze auf dem Podium mit einem Preis sicher ist.

Der Preis, das ist ein Job. Ein Studienplatz. Ein Kaufvertrag. Der Preis kann natürlich auch eine Medaille, ein buntes Bändchen oder eine Rosette sein. Solche Wettkämpfe hat vermutlich jeder schon hinter sich und sie mehr oder weniger erfolgreich zu Ende geführt. Die erstgenannten Preise sind schon ziemlich entscheidende solche. Wer schon zig Bewerbungen abgeschickt hat und immer nur auf den hinteren Plätzen gelandet ist, wird jetzt verständnisvoll nicken. Diese Art des Wettkampfs ist mit einem ziemlichen Druck verbunden. Schließlich entscheidet sein Ausgang darüber, was ich in den nächsten Jahren mit meinem Leben und meiner Zeit machen kann und werde. Er gibt oder nimmt mir Perspektiven. Schmeißt im schlimmsten Fall ganze Lebensplanungen über den Haufen.

Von dieser Art des Drucks habe ich das Privileg gehabt, mich befreien zu dürfen. Ich habe einen sicheren Job. Ich habe keinerlei weitere Karriereambitionen. Im Gegenteil. Manchmal schaue ich auf meinen Vorgesetzten und denke: „Bin ich froh, dass ich den Job nicht machen muss!“ Da wo ich jetzt bin ist es gut. Klar, ein bisschen mehr Kohle wäre nett. Das wäre es ja immer. Aber im großen und ganzen: Kein Wettbewerb um einen besseren Platz mehr für mich! Aber um sich befreien zu können, muss man da erst mal durch!

Ja, ja, wird sich jetzt der ein oder andere Leser (habe ich welche?) denken, aber was hat das jetzt mit Laufen zu tun?

Für manch einen Läufer stellt sich Wettkampfdruck folgendermaßen dar: Er oder sie meldet sich bei einem Lauf an. Er (der Läufer ist ab sofort geschlechtsneutral, sonst drehe ich hier durch) studiert die Ergebnislisten der vorherigen Jahre, vergleicht sie mit seinen Bestzeiten. Absolviert ein strenges Trainingsprogramm, vielleicht sogar mit Trainer, um seine Bestzeit um noch ein paar Sekunden, ein paar Hundertstel oder im Falle von Langstreckenläufern vielleicht sogar ein paar Minuten nach unten zu korrigieren. Das Training läuft großartig, der Wettkampf auch. Der Altersklassensieg, wenn nicht sogar der Gesamtsieg ist sein! Ist er ein Profi, so ist das für ihn von entscheidender Bedeutung. Schließlich bekommt er ein Preisgeld, seine Sponsorenverträge hängen von seinen Wettkampfleistungen ab, sein Bekanntheitsgrad, seine Karriere. Für den Profiläufer ist der Wettkampfdruck enorm.

Kann er sich davon befreien? Klar. Z.B. am Ende einer großen Karriere. Natürlich auch früher. Aber dann muss er sich einen neuen Job suchen.

Auch mancher Hobbyläufer macht sich ähnlich Druck wie ein Profiläufer. Er wird nur in der Regel keine Chance gegen die Profis bei einer internationalen Laufveranstaltung haben. Also fokussiert er sich auf die Volkslaufszene. Er wird innerhalb dieser Szene einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangen. Er braucht sich nie wieder Handtücher oder Duschgel zu kaufen, denn die gewinnt er schließlich andauernd. Dazu das ein oder andere Fässchen Bier, mehere Weinflaschen, Sporttaschen, und – wenn er Glück hat – den ein oder anderen Einkaufsgutschein eines Sportgeschäfts sowie ein paar Euronen Preisgeld. Vielleicht bekommt er mal ein Feature in einer Laufzeitschrift, wird vielleicht sogar Läufer des Jahres in der Kategorie Freizeitsport. Und das alles ist großartig und verdient Respekt, denn schließlich bringt er die ganze Leistung mit einem Bruchteil der Unterstützung, die die Profisportler haben und neben einem regulären Beruf.

Das ist alles eine ziemlich schöne Sache, solange der Spaß nicht auf der Strecke bleibt. Wer enttäuscht und frustriert ist, weil es eben doch nicht ganz zur Zielzeit gereicht hat,  wer sich über Platz 4 in der Altersklasse nächtelang schwarz ärgert, für den ist es an der Zeit, umzudenken, wenn er nicht auf Dauer unglücklich werden möchte. Klar ist eine kurzzeitige Enttäuschung und Frustration beim Nichterreichen eines selbst- oder fremdgesteckten Ziels völlig normal. Sich ambitionierte Ziele zu setzen, um motiviert zu trainieren, ist auch völlig in Ordnung. Kritisch wird es meiner Meinung nach erst, wenn das ganze Denken nur noch von Erfolg oder Misserfolg bei einem Wettkampf bestimmt ist, wenn das ganze Leben (Essen, schlafen, Liebesleben, jede freie Minute) nur noch darauf ausgerichtet ist, beim nächsten Wettkampf aber nun endlich diese Zielzeit zu knacken, dann wird es gefährlich.

Ein solcher Läufer muss sich dringend vom Wettkampfdruck befreien. Wenn nötig, sogar mit therapeutischer Unterstützung.

Habe ich diesen Wettkampfdruck?

Ein ganz klares Nein.

Zunächst mal: Um überhaupt Wettkampfdruck aufzubauen, muss für mich ein Sieg oder eine Platzierung in greifbarer Nähe sein. Das war früher mal bei Reitturnieren so. Hab ich gemacht, ein paar Rosetten eingesammelt, einmal sogar einen kleinen Pokal, und das war gut und damals auch wichtig und richtig so. Irgendwann hab ich dann beschlossen, dass ich das nicht mehr brauche, das mein Leben aufregend genug ist, ohne dass mir vor so einen Turnier die Düse geht.

Ist für mich eine Altersklassenplatzierung oder gar ein Sieg bei einer Laufveranstaltung drin? Klar! Wenn ich die einzige bin, die antritt oder alle Mitstreiter auf dem Weg zur Ziellinie von Außerirdischen entführt werden, dann stehe ich strahlend und einsam auf dem Podium. Wenn wir mal davon ausgehen, dass das alles nicht passiert, und noch ein paar hundert oder mehr andere Läufer da mitmachen, dann ist die Antwort aber so was von „Nein“.

Bei Laufveranstaltungen gilt für mich einzig das olympische Motto: Dabei sein ist alles.

Ich bin im Training immer alleine unterwegs. Das ist auch gut so, denn den Druck einer Gruppe, die das Tempo vorgibt, halte ich nicht aus. Selbst wenn es dann heißt: „Der langsamste Läufer bestimmt das Tempo“, mach ich mir Druck, denn ich will ja schließlich nicht alle ausbremsen. Ich hab’s probiert. Hat keinen Zweck. Das macht mir Stress und Druck. Also lass ich’s. Ich liebe meine einsamen langen Läufe mit einen Hörbuch oder den Zombies in den Ohren, oder auch mal ganz still. Es macht mir Spaß, anschließend am Computer meine Kilometer auszuwerten und immer neue Strecken rauszusuchen. Es macht mir auch Spaß, nach meinem Online-Trainingsplan zu laufen. Er gibt mir ein bisschen die Richtung vor, und da zu sehen, wie ich mich verbessere, das motiviert mich. Das hat aber nichts mit Wettkampfdruck zu tun. Ich mag auch Läufe ohne Zeitmessung, wie z.B. den Stirnlampenlauf in Bad Dürrheim (schade, dass das dieses Jahr terminlich nicht hinhaut!) oder auch den Stadtlauf Donaueschingen.

Ja gut, weshalb laufe ich dann überhaupt bei Wettkämpfen mit? Und weshalb ärgere ich mich so, wenn die Vorgaben eines Wettkampfs meine Leistungsklasse ausschließen?

Das ist ein bisschen schwierig zu erklären. Es gibt mehrere Gründe. Ich benutze eigentlich auch nie das Wort „Wettkampf“, wenn ich mal mit anderen Leuten über mein Läuferdasein rede. Ich rede von „Laufveranstaltung“ oder „der Halbmarathon“, eben weil es für mich kein Wettkampf ist. Es ist für mich eine Art, alleine zu laufen und doch dazu zu gehören. Ich schwimme in der Menge mit, oder auch an ihrem hinteren Ende, genieße die Atmosphäre, beobachte andere Läufer, komme mit Leuten ins Gespräch, muss mich aber an keine andere Geschwindigkeit anpassen als an meine eigene.

Danach bekomme ich eine Finisher-Medaille und eine Urkunde. Und das Gefühl, etwas geschafft zu haben, was mir vielleicht nicht so ohne Weiteres jeder zutraut. Und da braucht es dann mein Ego auch, dass da nun mal das Wort „Halbmarathon“ oder vielleicht später sogar mal das Wort „Marathon“ drauf steht. So wie es vielleicht für einen Karriere-Menschen das ultimative Ziel ist, einen Mercedes als Dienstwagen und das Wort „Chef“ an der Tür zu haben, so ist das hier mein kleines privates Aushängeschild, denn es beweist mir, dass ich etwas kann, von dem noch bis vor ein paar Jahren fast jeder gesagt hat, dass ich es nicht kann.

Meine Ziele sind recht bescheiden. Ich möchte finishen, und ich möchte nicht Letzte sein. Das war ich lange genug. Ich bin nicht ganz gesund, daher funktionieren bei mir manche Vorgaben nicht, wie z.B: „Nach einem Jahr kontinuierlichen Lauftrainings bist du in der Lage, die Zeit x locker zu laufen.“ Das hat mich anfangs geärgert. Mittlerweile ist mir das egal. Ich trainiere trotzdem konsequent und freue mich über jeden Fortschritt, aber ich mache mich dabei nicht tot. Ich trainiere nicht, wenn ich krank bin, ich gehe auch unter ein vorgegebenes Tempo, wenn ich merke, dass es einfach nicht passt, und wenn ich mir eine bestimmte Zielzeit als Rahmen setze, dann ist sie fernab dessen, was sich ambitionierte Läufer darunter vorstellen. Für mich wären 2:30 beim Freiburg-Marathon (halber, versteht sich), ein kleiner Triumph. Werden es aber aus irgendwelchen Gründen 2:35 oder auch 2:40, dann lass ich mir darüber keine grauen Haare wachsen. Aber ich nehme eine Medaille mit heim, kann mir eine Urkunde ausdrucken und vielleicht ein T-Shirt mitnehmen. Und wenn ich das dann anziehe, erinnere ich mich an den Tag. An die Begegnungen auf der Strecke. An erhebende oder auch nicht so erhebende Momente. Und vielleicht begegnet mir dann auch mal ein anderer Läufer, der sagt: „He, warst du da auch dabei?“ Dann freue ich mich, denn dann habe ich das Gefühl, ein bisschen zur Läufer-Gemeinde dazu zu gehören.

Das hat für mich mit Wettkampfdruck nichts zu tun.

Advertisements

2 Kommentare zu “Befrei dich vom Wettkampfdruck!

  1. Weise Worte! Ich werde auch nie Erster, nicht einmal in meiner Altersklasse. Ich vergleiche mich vor allem mit mir selbst und freue mich, dass ich mich kurz vorm 50. Geburtstag immer noch ein bisschen steigern und wenigstens ein paar junge Hüpfer hinter mir lassen kann. Aber auch wenn ich mich manchmal beim Marathon auf den letzten Metern quäle, um noch ein paar Sekunden schneller zu sein als letztes Jahr – ich pass genau auf, dass der Ehrgeiz nicht zu wichtig wird. Viele haben es ganz drangegeben, als sie gemerkt haben, dass es nicht mehr so schnell wie gewüscht geht, zu denen möchte ich nicht gehören.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s